Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Gräben werden immer tiefer

von Andreas Wiedenhaus 

Die Diskussionen um eine Spaltung der Gesellschaft sind nicht neu. Gerade ist das Thema vor dem Hintergrund der Unruhen in England näher ins Blickfeld gerückt. Die Debatte ist allerdings häufig eher von politischen Motiven als von Sachkenntnis geprägt.

Diesen Vorwurf muss sich die aktuelle Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach nicht machen lassen – und genau das sollte aufschrecken: Die als neutrale Experten anerkannten Meinungsforscher haben herausgefunden, dass sich die Spaltung zwischen den sozialen Schichten in Deutschland stetig vertieft. Ablesbar, so die Allensbacher, sei dies an Gewohnheiten, die die jeweilige Schicht stark prägten: Während die Oberschicht „Bio“ bevorzugt, wird am anderen Ende der sozialen Skala in erster Linie Fastfood konsumiert, es wird weniger für die Gesundheit getan. Computer werden in erster Linie für Spiele genutzt.

Noch brisanter ist dieses Ergebnis der Umfrage: Die Demoskopen beschreiben einen sich verfestigenden „Status-Fatalismus“ innerhalb der Unterschicht: Chancen, den Aufstieg aus eigener Kraft zu schaffen, sehen diese etwa 20 Prozent unserer Gesellschaft nicht mehr. Der Wille, so heißt es in der Studie, sei zwar da, der Glaube, aus eigener Kraft „nach oben“ zu kommen, sei jedoch kaum noch spürbar. Eine Erfahrung, wie sie etwa in den Sechzigerjahren noch weit verbreitet war, verflüchtigt sich heute zusehends und fehlt gerade denjenigen, die sie dringend brauchen: Nämlich die, dass es sich lohnt, sich anzustrengen. Erfolg motiviert. Aber was ist, wenn es Erfolgserlebnisse für einen wachsenden Anteil in unserer Gesellschaft einfach nicht mehr gibt?

 

 


23.05.2012
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