Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Gott liebt – ohne Grenzen!

Eva-Maria Nolte,Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld-Mitte-Ost

Im Dunkeln schleicht der einflussreiche Nikodemus zu Jesus – der soll Licht in den Glauben des Pharisäers bringen. Doch ob Nikodemus soviel Licht verträgt? So fragt Eva-Maria Nolte, Gemeindereferentin im Pastoralverbund Bielefeld-Mitte-Ost.

von Eva-Maria Nolte

So bedrohlich und unheimlich die Nacht sein kann, so sehr birgt sie auch Geheimnisse und Schutz – vor gleißendem Licht, Entdecktwerden und dem Gespött der Zeitgenossen, die gerne öffentlich machen und verurteilen. Es ist Nacht, als Nikodemus Jesus aufsucht. Dieser Nikodemus ist Pharisäer, ein führender Mann unter den Juden, Mitglied im hohen Rat, der höchsten jüdischen Behörde. Also einer, der mit über Recht und Unrecht zu entscheiden hat.
Dieser Nikodemus ist tief beeindruckt von den Wundern Jesu. Nikodemus ist unruhig, möchte mehr erfahren: von Jesus selbst, die ganze Wahrheit. Bisher ahnt er nur: Der muss ein Gottesmann sein. Wer sonst könnte solche Zeichen tun? Viele Fragen, die er als gelehrter Jude eigentlich nicht haben dürfte, lassen ihn Jesus bei Nacht aufsuchen. Nikodemus  hat gute Gründe, lieber unentdeckt bleiben zu wollen. Es soll nicht bekannt werden, dass er Kontakte zu Jesus, auf dem Hintergrund der Tora einem Sünder, knüpft. Wie schnell würde er selbst als „infiziert Unreiner“ aus dem Hohen Rat verstoßen – wie ein Aussätziger.
Jesus kennt genau die Denkmuster dieses gelehrten Nikodemus. Dessen Welt ist die der Geschichte des auserwählten Gottesvolkes und der mosaischen Gesetze. Darin ist Nikodemus zu Hause. Und so leitet Jesus seine Heilsbotschaft, welche alle bis dahin vorstellbaren Grenzen sprengt, zunächst mit der Erinnerung an eine Begebenheit aus Israels Geschichte ein: Damals in der Wüste errichtete Moses für das von Giftschlangen bedrohte Volk eine eherne Schlange am Stab. Wer sie anschaute, überlebte. Mit dem sichtbaren Zeichen konnte Gott sein Wirken erkennbar machen. Nun aber – und damit kommt Jesus „zur Sache“ – ist der Sohn Gottes in die Welt gekommen, und auf diesen selbst werden alle schauen, wenn er am Balken des Kreuzes erhöht ist. Denn Gott liebt die Welt so sehr, dass er seinen einzigen Sohn hingibt.
Nikodemus muss diese Ungeheuerlichkeit der Botschaft Jesu schlucken: Gott liebt die Welt. Nicht etwa nur sein auserwähltes Volk, die Gesetzestreuen; nein, die ganze Welt. Auch heute ist es offenbar nicht leicht, das zu begreifen. Warum bloß? Vielleicht könnte genau dies das Geheimnis der kriselnden Pastoral sein: auf den zu schauen, der die ganze Welt so sehr liebt. Dann brauchte niemand mehr Bange zu haben, den Ansprüchen Gottes und denen der eigenen kleinen Welt nicht genügen zu können.
Da oben steht kein Richter, der mit kriminologischer Sorgfalt alle Regelverstöße auf seiner Festplatte abspeichert, um sie uns am Ende vorzuhalten. „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet.“ Wer auf ihn schaut, wer einmal seinem liebenden Blick begegnet ist, der kann und will gar nicht mehr anders als lieben. Aber selbst der, der nicht glaubt, wird nicht gerichtet. Er ist es nämlich schon, indem er selbst das Geschenk der Liebe Gottes ablehnt. Selbst nach heutigem Rechtsverständnis kann eine Schenkung erst dann in Kraft treten, wenn der Beschenkte sie annimmt. So kann auch das Heil Gottes nur wirksam werden und wachsen in dem, der es bejaht. Damit leben wir in der unglaublichen Freiheit, die Liebe Gottes als Geschenk selbst annehmen zu sollen. Und  Gott riskiert es tatsächlich, sich selbst der Freiheit der Menschen in dieser seiner Welt auszusetzen – so sehr, dass er seinen einzigen Sohn hingibt.
Und Nikodemus? Er ist dem „Licht der Welt“ in dieser Nacht nahe gerückt. Nun schleicht er mit mehr Fragen als zuvor wieder nach Hause – immer noch im Schutz der Dunkelheit.


23.05.2012
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