Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Glaube – mehr als ein Beweis

Maren Gödde ist Gemeindereferentin im Pastoralverbund Delbrück und Sudhagen.

Das Ringen Josefs im Evangelium vom vierten Advent findet seine positive Auflösung im Glauben an das Wirken Gottes. Eine Vorlage für uns heute! 

von Maren Gödde 

„Das wird er oder sie mir büßen!“ „Dem zahl ich es heim!“  So drücken wir heute oft unsere Gefühle aus, wenn wir den Eindruck haben, dass an uns Unrecht geschehen ist. Kaum jemand ist in einer Wut- und Ärgersituation in der Lage, dem Gegenüber etwas nachzusehen oder überhaupt zunächst einmal klar zu denken. Es geht nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und das „Wie du mir, so ich dir“ ist eine gesellschaftlich akzeptierte Handlungsweise. Man darf sich nichts gefallen lassen. 

Wenn der heilige Josef dies als Grundsatz genommen hätte – was übrigens auch damals gesellschaftlich akzeptiert worden wäre, denn auf Ehebruch stand die Todesstrafe durch Steinigung – dann wäre die Geschichte Gottes mit uns wohl ganz anders verlaufen. Aber Josef war „gerecht“ und wollte Maria nicht bloßstellen. Man hat den Eindruck, dass Josef ein Mensch ist, der vollkommen in sich ruht. Sicherlich war auch er maßlos enttäuscht; denn er musste ja annehmen, dass Maria ihn betrogen hatte. Vielleicht war er gar wütend? Eines jedoch steht fest: Er konnte trotz seiner Enttäuschung noch klar denken. Wenn er Wut empfand, dann hat sie ihn nicht hart oder verbittert werden lassen. 

An dieser Stelle können wir von Josef lernen. Er ist kein Mann der überstürzten Schritte. „Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel im Traum“. Die Devise, die auch bei uns heute noch ein guter Ratgeber in Konfliktsituationen ist, hat Josef befolgt: Erst einmal darüber schlafen! Morgen sieht die Welt vielleicht schon ganz anders aus. Sicherlich ist er an dieser Stelle auch von der Hoffnung geleitet, dass doch alles nur ein Irrtum sein kann. Man darf nicht vergessen, dass er Maria liebte. Wie sehr ein Liebender an seiner Liebe festhält, das weiß mancher nur zu gut aus eigener Erfahrung. In dieser Situation erscheint ihm ein Engel im Traum, der ihm die gewünschte Klärung bringt: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.“  

2000 Jahre nach diesen Ereignissen scheinen uns die Folgen dieses Traumes einfach und klar: „Als Josef erwachte, tat er, was der Engel ihm befohlen hatte.“ Wir sind heute versucht zu denken: „Wenn Gott so zu mir gesprochen hätte, wie zu Josef, dann wäre mir auch alles klar gewesen. Leider spricht Gott aber nicht so deutlich zu mir.“ Schauen wir genauer hin: Es war ein Traum, den Josef hatte, nichts besonders Handfestes. Tiefenpsychologen hätten Josef vielleicht gesagt, dass seine große Liebe, die er nicht loslassen wollte, diesen Traum ausgelöst hätte. Nein, Josef hatte keineswegs stichhaltigere Beweise für das Wirken Gottes als wir. Was er hatte, lässt sich mit einem Wort sagen: Glauben! Er vertraut auf Gott. Und wer das wirklich ohne Kompromisse tut, der wird nicht enttäuscht! 

Das ist es, was uns das Evangelium sagen möchte: Gott ist mit uns! Immer. Das Evangelium macht deutlich: Selbst Josef war ohne Sicherheiten und ohne Beweise darauf angewiesen zu glauben. Glauben bedeutet auch für uns ein Wagnis. Auch zu Josef sprach Gott nicht deutlicher, als er heute zu uns spricht. Die Menschen damals hatten es keineswegs einfacher, an diesen Gott zu glauben. Sonst wären am Ende sicher mehr als nur zwei Menschen unter dem Kreuz Jesu  gewesen. „Immanuel – Gott mit uns“, das ist unser Glaube und unsere Hoffnung. Lassen wir uns das am bevorstehenden Weihnachtsfest erneut zusagen! 

 


23.05.2012
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