Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Generationenvertrag

Ursula von der Leyen strebt die Neuformulierung des Generationenvertrages an. Das sei eine der wichtigsten familienpolitischen Aufgaben. Dabei dürfe es nicht nur um Geldtransfer, sondern auch um Austausch der Generationen gehen.


Christian Schlichter (45)
ist Chefredakteur des DOM

Diese Diskussion hat uns gefehlt in den vergangenen Jahren: „Generationenvertrag“. Wenn mein heute 90-jähriger Vater zu Wort kommt, dann erzählt er gerne, dass er solch einen Vertrag nie geschlossen habe. Immerhin habe er trotz Krieg, der ihm eine Beinamputation einbrachte, 46 Jahre lang gearbeitet und gut eingezahlt. Seine Rente also habe er selbst finanziert. Der Generationenvertrag sei eine Lüge der Politiker.
Eine Zeitlang mag das mit den eigenen Rentenzahlungen gestimmt haben. Doch weder mein Vater, noch die Politiker, erst recht nicht die Gesellschaft der 70er bis 90er-Jahre hatten eine Medizin vor Augen, die als positiven Nebeneffekt ihrer Weiterentwicklung eine rasante Erhöhung der Lebenszeit und damit eine Verlängerung der Rentenbezugszeit bewirkt hat. Das ist ein erfreulicher Effekt, aber das auch rentenpoltisch zu registrieren, hat sich nie jemand wirklich getraut.
Nun ist also wieder die Rede vom Generationenvertrag, Ministerin von der Leyen will ihn neu schreiben. Ein lobenswertes Vorhaben. Nur diesmal sollte sie wirklich alle Parteien mit ins Boot nehmen. Und nicht die Zahler wieder einseitig belasten. Bei allem Gerede über das System des Generationenvertrages haben die eines noch nicht vergessen: Dass die Renten im Vergleich zu den Löhnen in den vergangenen zehn Jahren überproportional gestiegen sind. Und dass die Zahler von heute die Bittsteller von morgen sein werden. Das zu verhindern bedeutet, sozialen Sprengstoff zu entschärfen.


23.05.2012
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