Aktuelle Ausgabe
2012-20

Caritas-Schuldnerberatung in Iserlohn weist auf die realen Umstände hin

Ganz anders als im Fernsehen

Viola Herbel und Frank Lackmann von der Schuldnerberatung der Caritas in IserlohnFoto: privat

Iserlohn. Aktentasche, Flipchart, Taschenrechner und ein paar Tage Zeit – mehr benötigen TV-Schuldnerberater wie Peter Zwegat nicht, um ihre Klienten wieder zurück auf solide finanzielle Wege zu führen. Die Realität professioneller Schuldnerberater jedoch hat mit dem Fernsehimage nur bedingt etwas zu tun, wie ein Einblick in den Arbeitsalltag der Caritas-Schuldnerberater Viola Herbel und Frank Lackmann zeigt. Weniger erfolgreich als ihre Fernsehkollegen sind die Iserlohner Schuldnerberater allerdings nicht: Die Caritas-Schuldnerberatung weist eine Erfolgsquote von rund 90 Prozent auf.
„Viele Leute denken tatsächlich, dass man wie im Fernsehen zu ihnen nach Hause kommt, ihre Akten durchwühlt und dann an der Flipchart etwas vorrechnet“, sagt Viola Herbel. Seit 15 Jahren ist sie in der Schuldnerberatungsstelle der Caritas tätig. Und ihr Berufsalltag weicht um einiges vom TV-Image ab.
Frank Lackmann: „Wir können leider nicht zu jedem nach Hause fahren und die Lage überprüfen. Es ist ein langer Prozess, durchschnittlich dauert eine Begleitung neun Monate. Und es geht letztlich immer um Hilfe zur Selbsthilfe.“ Denn die entscheidenden Schritte müssen die Schuldner selbst gehen. Jede Beratung beginnt mit einer Analyse des Ist-Zustandes – dazu gehören die berufliche und familiäre Situation, die Erstellung einer Einnahmen-Ausgaben-Übersicht sowie die Erfassung der Gesamtverbindlichkeiten. Viola Herbel: „Meistens geht es um das Erreichen der Privatinsolvenz. Über zwei Drittel aller Fälle enden mit diesem Ergebnis.“ Nicht selten führt die Vermittlung der Caritas-Experten aber auch zu außergerichtlichen Einigungen mit den Gläubigern.
Auf dem Weg zum Ziel gibt das Team der Caritas viele Hilfestellungen: So beraten die Mitarbeiter zum Beispiel bei Kontopfändungen, erläutern Methoden solider Haushaltsführung, klären über existenzsichernde Maßnahmen auf oder zeigen auf, welche Sozialleistungen beantragt werden können.  Im Gegensatz zu ihren TV-Kollegen verfolgen die Caritas-Schuldnerberater bei ihrer täglichen Arbeit einen ganzheitlichen Ansatz: „Wir sehen nicht nur die Zahlen, sondern auch die persönlichen Begleitumstände der Betroffenen. Die Menschen sind wirklich ohnmächtig, wenn sie zu uns kommen. Es geht ums nackte Überleben. Wir versuchen mit allen Mitteln, entstehende Teufelskreise frühzeitig zu zerschlagen.“ 2007 lag der Anteil der Suchtkranken, die in der Schuldnerberatung Hilfe suchten, bei über 18 Prozent.
Viola Herbels größte Kritik an den TV-Sendungen gilt dem einseitig vermittelten Bild des Schuldners: „Es werden Menschen porträtiert, die beispielsweise 50000 Euro Schulden haben und trotzdem Pferde, zwei Häuser und zwei Autos besitzen. Natürlich gibt es Leute, die in die Schuldenkrise geraten, weil sie einfach unvernünftig und teilweise fahrlässig mit ihrem Geld umgegangen sind.“ Doch auf diese Fälle treffe sie eher selten: „Auch wir haben Klienten mit 80 Gläubigern, die durch unkontrollierten Konsum über Finanzkäufe und Ratenzahlungen in die Zahlungsunfähigkeit geraten sind. Das sind aber Ausnahmen.“ Meistens entstehe eine Überschuldung, ohne dass die Betroffenen darauf Einfluss nehmen könnten, wie die Expertin erklärt: „Jemand finanziert ein Haus oder ein Auto, wird plötzlich arbeitslos und steht dann mit den offenen Forderungen da. Scheidungen, Suchtkrankheiten und selbst Geburten können Auslöser für eine Überschuldung sein. Im Grunde kann es jeden treffen.“
Auch wenn die TV-Formate das Thema aus Unterhaltungsgründen stets stark dramatisieren, sieht Viola Herbel auch einige positive Aspekte der Medienpräsenz. „Das Thema Schulden ist dadurch natürlich viel stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Betroffene Menschen merken, dass sie nicht alleine sind und dass es Hilfe gibt, etwa bei uns“, sagt sie.



23.05.2012
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