Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Bußprediger scheint ausgestorben zu sein

„Funken der Begeisterung“

Im katholischen Bereich selten: Straßenprediger wie dieser junge Mormone vor dem Kölner Dom.Foto: kna

Bad Salzuflen/Hamburg. Jeden Morgen packte Axel Fuchs seine Kisten zusammen. Setzte sich in den Vorortzug und fuhr nach Hamburg hinein. Kurz nachdem die Geschäfte öffneten, stand er schon in der City. Um ihn herum Pappkartons, beklebt mit einfachen kleinen Plakaten. Psalmsprüche. Bibelworte. „Gott ist die Liebe“, oder „Jesus ist die Hoffnung“ war darauf zu lesen. Fuchs stand immer neben seinen Plakaten, wer es zuließ, wurde von ihm angesprochen. Und dann erzählte er vom Wort Gottes, das ihn als Ruf erreicht hatte.

von Christian Schlichter

„Er brannte für diese Sache“, erinnert sich Erhard Rockel an den engagierten „Missionar“. Wieso er sich so engagierte für diese Sache hatte der pensionierte Pfarrer der Baptisten bei einer Begegnung auf einem Kongress in Bad Salzuflen von Fuchs wissen wollen. Und da erzählte der ihm, wieso er denn vergleichbar einem Johannes in der Innenstadt von Hamburg auftrete, um auf Gottes Wort aufmerksam zu machen: Der Glaube habe ihn sein ganzes Leben beschäftigt. Als Unternehmer hatte er ein Textilgeschäft in der Nordheide geführt, das er dann irgendwann verkauft hatte. Und seitdem pries er das Himmelreich. Fuchs konnte und wollte einfach nicht verstehen, wieso denn die Menschen nicht von diesen Funken der Begeisterung, die aus der Bibel schlügen, angesteckt würden. Und so war er unermüdlich mit seinen Bibelsprüchen engagiert.
Mit absolutem Unverständnis reagierten die Menschen auf ihn. Als Provokation nahmen sie seine beklebten Pappkartons wahr. Handgreiflich sei jedoch niemand geworden. Das hätte Fuchs aber auch nicht abgehalten. Er missionierte aus Überzeugung, für ihn war Gottes Wort etwas, das zu den Menschen „musste“. Einwände prallten dabei völlig von ihm ab. Für ihn war der Glaube und das Gebet alles. Da ließ er sich auch nicht abhalten, in der Lobby eines Hotels, indem sich der Rockel mit ihm getroffen hatte, eine Gebetsgemeinschaft zu eröffnen und lauthals den Herrn zu preisen. „Das war schon eine originelle Type“, erinnert sich Rockel.
Dabei stand Axel Fuchs in einer recht lebendigen Tradition. Das Beispiel des Johannes im Evangelium, der als Prediger auftritt und dessen Aufgabe es ist, als Rufer in der Wüste auf ihn, den Messias hinzuweisen, hat mit den Jahren Nachfolger gefunden. Die klassischen Bußprediger waren Christen im Mittelalter, deren Botschaft hauptsächlich darin bestand, den Menschen ihre Sündhaftigkeit und Gottes Zorn ins Bewusstsein zu rücken. Sie taten das mit drastischen Weltuntergangsfantasien. Konkret bedeutet das, dass sie den Sündern das baldige Strafgericht Gottes verkündeten und von allen Gläubigen öffentliche Sündenbekenntnisse und Reuebekundungen einforderten.
Prominente Vertreter dieser Gattung Bußprediger gab es durch die Jahrhunderte. Heinrich von Melk, ein bekannter Laienbruder aus dem zwölften Jahrhundert war so einer. Oder der berühmte Hie-ronymus Savonarola aus Bologna. In Aufsehen erregenden Predigten prnagerte er den Sittenverfall der Herrschenden und die Verderbtheit der Kirche an. Weil er gleich beim Thema war, prophezeite er sofort auch Gottes Strafgericht, falls es keine Reformen gebe. Savonarola trat mit diesen öffentlichen Predigten natürlich den Kirchenoberen auf den Fuß. Trotz Verleihung der Kardinalswürde ließ er sich aber nicht vom Wettern gegen kirchliche Verfehlungen abhalten. Der berühmte Dominikaner des 15. Jahrhunderts wurde später dann als Ketzer hingerichtet. Erst Papst Johannes Paul II. rehabilitierte ihn. Sein Beispiel jedoch zeigt das Los vieler Bußprediger. Durch ihre öffentliche Schelte, massiv auch immer an den Mächtigen und der Kirche selbst, wurden sie schnell das Opfer von Intrige und Mord. So, wie es ihrem berühmten Beispiel aus der Bibel erging. Auch Johannes der Täufer musste aufgrund seiner unbequemen Rede sein Leben lassen.
Diese Sorgen brauchte der Buchholzer Axel Fuchs nicht zu fürchten. Seinen Dienst als Mahner in der Hamburger City versah er solange, bis er vor gut fünf Jahren starb. Dass sein Werk fortgesetzt wurde, war dabei einer seiner Wünsche, Und so unterstützte er in besonderem Maße den Christlichen Plakatdienst. Das ist ein vor 60 Jahren gegründeter ökumenischer Verein. Seine Aufgabe ist es, „das Wort Gottes in der großen Stadt zu den Menschen zu bringen“, wie Vorsitzender Erhard Rockel beschreibt. An vielen Orten in der Bundesrepublik gibt es solche Vereine, die meisten nennen sich „Plakatmission“. Eine Bezeichnung, die durchaus umstritten gewesen sei. Denn Mission, das Künden vom Nahen des Herrn, so wie es im Evangelium stehe, habe viele Jahre keinen guten Klang gehabt. Doch gerade vor zwei Wochen, beim Jubiläum des Plakatdienstes mit bundesweiter Tagung habe Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen darüber laut nachgedacht. Ob nicht das Wort Mission doch das richtige sei für die Arbeit der Plakatkleber.
Die stehen übrigens mit ihren großflächigen Botschaften auf Litfasssäulen, in U-Bahnhöfen oder Plakatwänden mittlerweile allein da. Bußprediger gibt es schon seit langem nicht mehr, Fuchs war quasi einer der letzten. „Wahrscheinlich geht es uns zu gut“, vermutet Rockel die Ursache. Um aber zugleich die Wichtigkeit dieser Arbeit zu unterstreichen. Denn dass „alle Menschen das Heil sehen werden, das von Gott kommt“, wie es im Evangelium heißt, das sei wichtig. Die Mittel dazu haben sich verändert. Da zählt das Plakat oder der moderne Videostream in der U-Bahn mehr, als der aus der Mode gekommene Bußprediger, der in den Einkaufsstädten zum Fremdkörper geworden ist.


23.05.2012
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