Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Für eine offene Kirche

Dechant Klaus Fussy, Leiter des Pastoralverbundes Schildesche-Jöllenbeck,

Für eine offene Kirche, im wörtlichen wie übertragenen Sinne, plädiert Klaus Fussy, Dechant und Pfarrer in Bielefeld, in seinen Gedanken zum Weihetag der Lateranbasilika.

von Klaus Fussy

Auf der Rückseite des Colosseums in Rom führt eine unscheinbare Straße den Hügel hinauf. Die Straße hat es in sich. Ihr Name lautet Via del Laterano. Sie ist Teil des Papstweges quer durch die Stadt.
Als die Päpste ihre Residenz in den Vatikan verlegt haben, nahmen sie dennoch nach ihrer Wahl die Lateranbasilika in Besitz. Sie ist die eigentliche Bischofskirche Roms. In einer prachtvollen Prozession zogen die Päpste bei ihrer Prozession von St. Peter zum Lateran hinauf. Die Straße säumen bedeutende Kirchen Roms wie San Clemente, deren Geschichte ein wahres Abenteuer ist und das Wehrkloster der Santi Quattro Coronati mit dem Grab des Papstes Silvester. Am Ende aber liegt sie: die mächtige Basilika Johannes im Lateran, die ursprünglich Christus dem Erlöser selbst geweiht war. Ihr Titel: „Mutter und Haupt aller Kirchen.“ Nicht ohne Grund: Sie ist die erste öffentliche Kirche, die nach der Verfolgungszeit errichtet werden konnte und geht, wie viele andere, auf Kaiser Konstantin zurück. Die Geschichte ihrer Erbauung aber ist verbunden mit manchen Intrigen des Kaisers.
Immerhin ist sie erbaut worden auf dem Grund der Villa seiner Gemahlin Fausta, die dafür zerstört wurde, möglicherweise sogar als Bestrafung für ihre nur halbherzige Unterstützung gegen seinen Konkurrenten Maxentius, dessen Schwester sie war. Fausta selbst wurde nur wenige Jahre später auf Geheiß Konstantins in ihrem Bad erstickt. Trotz aller Aura von Weisheit und Rechtschaffenheit, die die Kirche Konstantin verlieh: seine Motive waren häufig nicht edel. Hätte nicht Jesus solche Händler aus dem Tempel geworfen?
Immerhin steht diese beeindruckende Kirche, was auch immer zu ihrer Entstehungsgeschichte zu sagen ist, als Haus Gottes mitten in einer verkehrsumtosten Gegend der Stadt Rom. Ist das nicht auch ein beredtes  Bild: das Haus des Herrn in einer quirligen und lauten Stadt?
Wie wohltuend ist es in unserer hektischen und stressgeplagten Gesellschaft Oasen der Ruhe zu finden; eine Erquickung für die Seele!
Wir brauchen mehr denn je solche Orte wie offene Kirchen, in denen Kerzen brennen, vielleicht eine Christus-Ikone zum Gebet einlädt und Menschen vor dem Tabernakel dem Herrn begegnen und in einer Nische Kerzen entzünden können. Die Zeiten müssten vorbei sein, in denen Menschen ständig vor geschlossenen Kirchentüren stehen.
In einem seiner letzten Interviews sagte Karl Rahner angesichts der Glaubensnot der Gegenwart: „Ich wünsche eine Kirche von einer außerordentlichen, starken Spiritualität, eine Kirche des Gebets, die Gott die Ehre gibt.“
Offene Kirchen, brennende Kerzen können dazu beitragen. Dies brauchen wir mehr, um die Not zu wenden mitten in unseren hektischen Städten und in unseren oft zerrissenen Herzen.
„Dem Gotteslob ist nichts vorzuziehen“, sagt der heilige Benedikt. Einer Kirche im Umbruch scheint mir dies besonders ins Stammbuch geschrieben zu sein, damit sie Haus des Gebets und „Haus meines Vaters“ bleibt. Sie öffnet die Menschen für das Heil, das Gott uns zugesagt hat.


22.05.2012
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