Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Fähigkeit mit Rückgabepflicht

Pfarrer Dr. Dr. Markus Jacobs, Leiter des Pastoralverbundes „Im Bielefelder Westen“, Spandauer Allee 48,, 33619 Bielefeld

Viele Worte Jesu sind in die Sprachen der Völker eingegangen. Es gibt in jeder europäischen Sprache unzählige Sprichwörter und Ausdrucksweisen, die eigentlich auf Jesus zurückgehen. Bei einem Wort jedoch fällt dies besonders auf: „Talent“. Zu dem Gleichnis von den Talenten aus dem Evangelium vom 33. Sonntag schreibt Pfarrer Markus Jacobs, Leiter des Pastoralverbundes „Im Bielefelder Westen“.


von Markus Jacobs

Das Wort „Talent“ kann man in Europa benutzen, wo man will – jedermann versteht es sofort. In Spanien heißt es „talento“, in Frankreich „talent“, in Schweden „talang“, in Polen „talent“, in Italien „talento“, in England „talent“… Alle Sprachen benennen damit das gleiche Bedeutungsfeld: Fähigkeit, Gabe, Anlage, Geschick.
Dabei meinte Talent ursprünglich zur Zeit Jesu ein Gewicht, eine Art Zentner. Mit diesem Gewichtsmaß konnte man alles mögliche abwiegen, auch Silber oder Gold. So wurde es zusätzlich zu einem Ausdruck für Geldmengen. Die Umdeutung auf Fähigkeit und Begabung entstand jedoch allein durch das Evangelium. Einzig die Worte Jesu haben dies bewirkt.
Jesus hatte seinen Jüngern nämlich laut Matthäusevangelium eine Parabel erzählt. In dieser Parael geht es um einen Mann, der vor einer langen Reise sein eigenes Vermögen den Dienern anvertraut. Aufgeteilt in Talente Silbergeld erhalten sie es zu treuen Händen. Drei Diener werden als solche Treuhänder genannt. Sie erhalten jeweils verschieden viele Talente. Was sie damit tun sollen, wird nicht einmal erwähnt.
Aus dieser mageren Ausgangslage hat sich eine innere Dynamik ohnegleichen entwickelt. Sie macht sich fest an diesem Wort „Talent“. Ein Gewicht wird zum Namen für ungewöhnliche Fähigkeiten. Ein Gewicht wird zur Chance, Werte in der Welt zu vermehren. Das Thema Geld ließ man schnell hinter sich. Stattdessen hat die Christenheit der letzten zwei Jahrtausende „Talent“ zum Inbegriff der Anlagen in einem Menschen gemacht.
Das Wesentliche der Benutzung dieses Bildes bei Jesus ist, dass die Diener das Geld nur anvertraut bekommen. Es gehört ihnen nicht persönlich. Sie dürfen es nutzen, sie sollen damit wirtschaften – aber sie müssen auch irgendwann dafür wieder Rechenschaft ablegen.
Menschen haben sich schon immer für ihre Begabungen interessiert. Und wer freut sich heutzutage nicht zu hören: Du bist talentiert! Welche Eltern sind nicht besonders stolz über die Talente ihrer Kinder.
Die Frage angesichts des Evangeliums und seiner Folgen ist: klingt heute eigentlich noch beim Wort „Talent“ mit, dass Talente etwas Anvertrautes sind? Genau deshalb hatten Christen dieses neue Fachwort geschaffen. Denn wer je die Parabel von den Talenten hörte, wusste immer, dass Talente nie Eigenbesitz sind. Sie sind übergeben, geliehen, vom eigentlichen Herrn zur Verfügung gestellt. Dieser Herr, dieser Gott, der die Talente Menschen zu treuen Händen gab, wird bei jedem persönlich nachfragen.
Die gesamte Parabel von den Talenten ist nicht leicht zu deuten. Sie hat über die Kirchengeschichte hinweg sogar Widerspruch hervorgerufen. Wird ausgerechnet von Gott das erfolgreiche Wirtschaften gelobt? Von Angst vor dem Herrn ist die Rede und dem Vorwurf, der Herr sei streng und ernte, wo er nicht gesät habe. Jesus lässt in der Parabel den Herrn diesem Vorwurf nicht einmal widersprechen. Manches bleibt also offen.
Nicht offen bleibt jedoch, dass die Talente so etwas wie eine Bewährung für die Rückkehr des Herrn sind, für die Ewigkeit. Wer mit Talenten richtig umgeht, wird die Aufforderung hören: „Nimm teil an der Freude deines Herrn.“ Das Nutzen der Talente war nur eine Vorbereitung für viel Größeres. Die größte Gabe, das festliche und erfüllte Leben in der Gegenwart dieses Herrn, das ist das eigentliche Ziel.


22.05.2012
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