Aktuelle Ausgabe
2010-36

Unter dem Motto: „Denn wir schauen aus nach dir“ geht der Blick nach vorn

Libori im Zeichen des Aufbruchs

Bei strahlendem Sonnenschein säumten viele Gläubige den Weg der Prozession mit dem Libori-Schrein durch die Paderborner Innenstadt nach dem Pontifikalamt am Sonntag.

Erzbistum. Ganz im Zeichen des Aufbruchs stand der Auftakt des Liborifestes am vergangenen Wochenende. Unter dem Motto: „Denn wir schauen aus nach dir“ – dem aus dem Psalm 33 entnommenen diesjährige Leitwort des Libori-Festes – richtete sich der Blick bei den kirchlichen Veranstaltungen nach vorn. Doch auch bei den weltlich geprägten Terminen ging es um die Zukunft. 

von Andreas Wiedenhaus

und Matthias Nückel 

Schon bei der Eröffnung der kirchlichen Feierlichkeiten zu Ehren des Bistumspatrons am Samstagnachmittag setzte Erzbischof Hans-Josef Becker einen deutlichen Akzent. In seiner Ansprache an die zahlreichen Gläubigen während der feierlichen Pontifikalvesper im Hohen Dom sagte der Erzbischof, ein „missionarischer Aufbruch“ müsse gewagt werden. Das Weiterleben des Glaubens an Gott und die Vermittlung des Evangeliums an die fragenden und suchenden Menschen sei zentrales Anliegen der Bemühungen in der Ortskirche von Paderborn. 

„Wir werden, von Gottes Geist inspiriert, unsere Kräfte darauf konzentrieren, dass es auch morgen und übermorgen Menschen gibt, die aus 

Überzeugung katholische Christen sind und in unserer Kirche ihre Heimat finden.“ Dabei komme zwangsläufig der eigene Glaube ins Spiel, erläuterte Erzbischof Becker weiter. „Wir alle sind im Prozess der Weitergabe des Evangeliums mit unseren Glaubensüberzeugungen und -erfahrungen gefragt. Darin besteht unsere gemeinsame Berufung als Christen auf der Grundlage von Taufe und Firmung.“

Im Rahmen seiner Ansprache begrüßte Erzbischof Becker auch die anwesenden Bischöfe, Priester und Laien, die aus verschiedenen Teilen der Weltkirche nach Paderborn gekommen sind. Einen besonderen Willkommensgruß richtete er an den Bischof der Diözese Le Mans, Bischof Yves Le Saux, der als Bischof von Le Mans Nachfolger des heiligen Liborius ist. 

Das Leitwort des Libori-Festes stellte Erzbischof Becker in den Mittelpunkt seiner Predigt während des Pontifikalamtes am Libori-Sonntag, das er gemeinsam mit vielen bischöflichen Gästen aus der Weltkirche und zahlreichen Gläubigen aus nah und fern im Hohen Dom feierte. Dabei stellte er die Haltung vieler Menschen infrage, die nur auf das Diesseits gerichtet sei und alles andere aus dem Blick verliere.

„Wir sind auf den Nahbereich eingestellt, kaum noch auf unendlich“, charakterisierte der Erzbischof diese Sichtweise, die das Wesentliche völlig vernachlässige: „Das Leben wird halbiert, vor der Schattenseite verschließen wir immer mehr die Augen.“ Der Tod werde verdrängt und stattdessen fortwährend versucht, Trost und Ablenkung im Diesseits zu finden.

Das greife zu kurz und lasse die Aspekte, auf die es ankomme, außer Acht. Dies sei eine fragwürdige Vertröstung auf das Jenseits. Wobei eine „Vertröstung im Diesseits“ aber noch fataler sei. Letztlich verliere nur der die Angst, im Leben zu kurz zu kommen, der die alleinige Fokussierung auf das Diesseits ablege. Doch diesem „gnadenlosen Kreis“ könne der Mensch nicht durch sich selbst entrinnen: „Dies gelingt nur, wenn wir Gott im Blick behalten!“

Diesen Faden griff der Erzbischof beim anschließenden Empfang im Leokonvikt wieder auf: „Wir stehen in der Ortskirche von Paderborn weiterhin mit beiden Beinen auf der Erde, nehmen die gegenwärtige Situation unserer Kirche und Gesellschaft aufmerksam wahr und vergessen dabei doch nicht, wo wir verwurzelt sind und woher wir unsere Kraft schöpfen.“ Gerade die Libori-Feierlichkeiten machten in besonderer Weise deutlich: „Gott ist der Ursprung und das Ziel unseres Lebens.“

Der Erzbischof erläuterte vor den Gästen aus Kirche, Politik und Gesellschaft ausführlich die „Pastoral der Berufung“. Immer gehe es darum, dass die Berufung des einzelnen lebendig werden könne, „dass sie Kreise ziehen, anderen dienen und so für das ganze Volk Gottes fruchtbar werden kann“.

Die Verantwortlichen der katholischen Jugendarbeit im Erzbistum haben das Anliegen der „Perspektive 2014“ schon aufgegriffen. In einem Forum wurden „Grundlagen und Eckpunkte der katholischen Jugendarbeit im Erzbistum Paderborn“, erarbeitet.

Sowohl die Lebenswelten als auch die Lebensweise der jungen Generation ließen sich mit herkömmlichen Zuschreibungen nicht fassen, sagte Becker. „Am Beispiel dieser Initiative im Jugendbereich wird deutlich, dass wir auch auf Zukunft hin beides im Blick behalten müssen: zum einen die alltäglichen Erfordernisse der Pastoral und damit all das, was die Memschen in den unterschiedlichen Generationen an Freuden, Hoffnungen und Erwartungen, Anliegen und Nöten an uns herantragen – zum anderen unsere grundlegende Ausrichtung auf den Herrn der Kirche, also auf Gott selbst“, betonte der Erzbischof, der beim Weg in die Zukunft auf den Rückhalt bei den Menschen im Erzbistum baut.

Um Aufbrüche in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft ging es am Sonntagabend beim traditionellen Libori-Mahl der Libori-Gilde. Deutliche Worte fand Gildemeister Wilhelm Stute in Richtung Politik. Er forderte Regeln für die globalen Finanzmärkte. Dieser Verpflichtung dürfe sich keine Regierung der Welt entziehen. Stute brach eine Lanze für den Mittelstand, denn die Zukunft liege nicht in Großunternehmen oder kapitalmarktorientierten Fremdfinanzierungen, sondern in gesunden mittelständischen Unternehmen.

Der Festredner des Abends, Martin Kannegiesser, betonte in seinem Vortrag, dass Wege aus der Krise gemeinsam von Arbeitgebern und Gewerkschaften erarbeitet werden müssten. Sparpakete seien zwar von Bedeutung, könnten aber die Probleme allein nicht lösen. „Das Fordern und gezielte Fördern aller Schichten unseres Volkes hin zu noch mehr Zukunftsfähigkeit bleibt die zentrale Aufgabe“, sagte Kannegiesser. Dass es bei Libori nicht nur um das Erzbistum oder Deutschland, sondern um Europa geht, belegten zum einen die zahlreichen ausländischen Gäste. Zum anderen wurde dies deutlich, als die Gäste beim Libori-Mahl zum Abschluss gemeinsam die Europahymne sangen.


10.09.2010
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