Aktuelle Ausgabe
2012-20

Projekte in der Brackler St.-Clemens-Gemeinde wenden sich gegen Neonazi-Ideologie

Erinnerungen gegen das Vergessen

Bei den Porträtaufnahmen für das Zeitzeugen-Projekt in der Brackeler Clemens-Gemeinde wurde der Design-Student Nemo Nonnenmacher (l.) von dem bekannten Dortmunder Fotografen Gerhard P. Müller unterstützt. Foto: privat

Dortmund-Brackel. Die Frau auf der großformatigen Schwarzweiß-Aufnahme schaut dem Betrachter direkt in die Augen. Ein Lächeln umspielt den Mund, das weiße Haar ist sorgsam frisiert. Neben dem Foto ist ein Text zu lesen: „Tiefflieger stürzten aus dem Himmel herab und erschossen die Menschen, die auf der Straße waren.“ Es sind einige ihrer Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die die porträtierte Frau in wenigen prägnanten Sätzen zusammengefasst hat.

von Andreas Wiedenhaus

Acht Porträts von Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg gehören zu einer kleinen Foto-Ausstellung, die noch bis Ende des Monats im Franz-Stock-Haus der Brackeler St.-Clemens-Gemeinde zu sehen ist. Die Bombenangriffe auf Dortmund sind dabei ebenso Thema wie die Tatsache, dass jüdische Mitbürger von einem Tag auf den anderen verschwanden oder dass das behinderte Mädchen aus der Nachbarschaft plötzlich abgeholt wurde.
Ein Mann erinnert sich daran, wie er als 17-Jähriger 1943 zur Waffen-SS eingezogen wurde und bei der Landung der alliierten in der Normandie verletzt wurde. Ein anderer Text neben der Fotografie einer Frau zitiert ein Kindergartenlied aus der NS-Zeit.
Der Design-Student Nemo Nonnenmacher hat die beeindruckenden Porträts fotografiert, begleitet wurde er dabei von dem bekannten Dortmunder Fotografen Gerard P. Müller. Die Interview mit den Zeitzeugen wurden von Mitgliedern der Messdienergruppe und der KJG der Brackeler St.-Clemens-Gemeinde geführt. Alle Befragten kommen ebenfalls aus Brackel.
Ein Faltblatt, das zur Ausstellung erschienen ist, zeigt alle Porträts und die dazugehörigen Texte sowie einige Fotos, die bei den Interviews zwischen den Jugendlichen und den Zeitzeugen entstanden sind.
Die Schwarzweiß-Porträts sind Teil eines größeren Projektes, das in der Brackeler Gemeinde unter dem Motto „Bunt statt braun“ stattfand und ein Zeichen gegen Neonazi-Aufmärsche und antidemokratische Tendenzen setzen wollte. Und dies auch weiterhin tun wird wie Pfarrer Ludger Keite betont: „Das Thema bleibt in der Gemeinde. Es passt in die Zeit und alle haben festgestellt, wie es uns bewegt hat.“ Im gesamten Stadtteil seien die Kirchen in diesem Zusammenhang der Schrittmacher gewesen und hätten wichtige Impulse gegeben.
Am Aktionstag selbst, erinnert sich Wilhelm Stehling von der Brackeler Kolpingsfamilie, seien wohl alle Gruppen aus der Gemeinde beteiligt gewesen, unterstützt von weiteren Teilnehmern, die Fähigkeiten und Talente in den Dienst der guten Sache stellten. Von Kindergartenkindern bis zu den Senioren waren alle Altersgruppen vertreten. „Die Vielfalt war ungeheuer beeindruckend“, erinnern sich Wilhelm Stehling und Pfarrer Keite. Es sei unglaublich, wie viele Fähigkeiten in der Gemeinde vorhanden seien. Pfarrer Keite: „Manche schlummernden Talente warten nur darauf, geweckt zu werden.“
Und nicht zuletzt sei es die Brücke, die zwischen den Generationen geschlagen worden sei, die den Aktionstag für die gesamte Gemeinde so wichtig gemacht habe: „Die Vergangenheit wird dann lebendig erhalten, wenn sie im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht erhält.“


22.05.2012
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