Was Redenschreiber an der Feldrede fasziniert
Entschieden, klar und glaubwürdig
Thomas Maess, evangelischer Theologe, Journalist und Publizist war unter anderem Redenschreiber für Ministerpräsidentin Heide Simonis in Kiel. Er ist Vorstandsmitglied des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache e.V. Mit Thomas Maess sprach Michael Kinnen.
DOM: Herr Maess, die Bergpredigt – die Feldrede bei Lukas – ist die wohl nachhaltigste Rede, die je gehalten wurde. Sehen Sie das als Redenschreiber auch so?
Maess: Ich zucke ein bisschen zusammen, wenn Sie die Bergpredigt mit der Dienstleistung eines Redenschreibers in Zusammenhang bringen. Es ist schwer vorstellbar, dass Jesus einen seiner Jünger um einen Entwurf für diese Predigt gebeten hat.
… aber sie ist einer der stärksten Texte der Menschheitsgeschichte …
Ja, völlig klar. Die Seligpreisungen sind auch deshalb so berühmt geworden, weil sie so entschieden infrage stellen, was wir Erfolg nennen, und so entschieden rühmen, was wir Schwäche nennen. Diese Radikalität ist schwer auszuhalten. Aber reiche und erfolgreiche Menschen wissen auch, dass ihnen der Besitz nichts nützt auf der Suche nach dem Sinn ihres Daseins.
Was gefällt Ihnen in der Rhetorik der Feldrede besonders?
Es sind die rhythmischen Wiederholungen, die eine solche Rede so eindringlich wirken lassen. Die Bibel benutzt häufig Wiederholungen als rhetorisches Stilmittel – denken Sie nur an die Zehn Gebote oder an den erhabenen Text im Buch des Predigers „Ein jegliches hat seine Zeit“ (Kohelet, Kapitel 3). Rhetorisch sind diese Texte zeitlos – und – Sie werden das einem Protestanten nachsehen – in Luthers Übersetzung nicht zu übertreffen.
Und die Drohungen?
Stilistisch sind sie ja ganz ähnlich aufgebaut wie die Seligpreisungen. Ihre Provokation lässt uns nicht los. „Wer reich ist, findet keinen Trost. Wer lacht, wird morgen weinen.“ Das ist schon starker Tobak; vor allem, weil wir Erfolge sofort auf sehr irdische Weise genießen wollen. Nur am Rande: Die Bibel kennt das Wort „Erfolg“ überhaupt nicht. Die Drohungen zeigen auch, welch weite Strecke zwischen einem gefüllten Geldbeutel und einem erfüllten Leben liegen kann. Und es liegt in diesen Sätzen ein Trost für all jene, die im landläufigen Sinne erfolglos sind. Reich macht uns ja nicht das, was wir besitzen, sondern das, was wir teilen.
Die Bergpredigt macht vielen Mut. Aber ganz allgemein: Eine Rede, die Menschen tröstet und aufbaut: Wie geht das?
Da fällt mir der römische Rhetoriklehrer Marcus Quintilian ein, der den wichtigsten rhetorischen Grundsatz aufstellte: „Das Herz ist es, das den Redner macht.“ Neulich hörte ich eine Rede über die Kinderarmut in Deutschland. Der Redner sprach ausschließlich im Passiv: „Da muss dringend etwas getan werden. Das darf niemanden kaltlassen“ usw. Die Sprache des Passiv verrät immer: „Ich selber rühre keinen Finger. Eigentlich geht mich das nichts an. Ich will keine Verantwortung übernehmen.“ Erst dann spreche ich glaubwürdig, wenn ich mit dem Herzen dabei bin. Nur wer sich selber einbezieht, kann trösten und kann helfen. Das allein macht schon klar, dass rhetorische Fähigkeiten nicht im Vordergrund stehen, wenn es um Trost und Zuspruch geht.
Ist sonst die Gefahr groß, dass Trost zur Vertröstung wird?
Ich will es auf die kurze Formel bringen: Vertröstung ist Flucht, Trost bleibt am Ort. Vertröstung ist Eile, muss schnell gehen, nimmt sich keine Zeit. Trost bleibt stehen. Trost hört zu und nimmt sich die Zeit.
Was empfehlen Sie also heutigen kirchlichen Rednern?
Mit den Pastoren ist es wie mit den Politikern. Wer was zu sagen hat, darf auch mal stolpern, sich verhaspeln oder stottern. Aber wer nichts zu sagen hat, dem hilft die Rhetorik auch nicht weiter. Ratlosigkeit kann durch Rhetorik nicht ersetzt werden. Denn dadurch würde der wichtigste Grundsatz einer guten Rede verletzt: die Glaubwürdigkeit.
Ist die Feldrede ein gutes Beispiel für heutige Prediger?
Die Feldrede ist ein gutes Beispiel, wie Inhalt und Form aufeinander bezogen sind. Es kann nicht schaden, wenn heutige Prediger auch auf die Form achten: nicht zu viel in eine Predigt stecken, kurze Sätze bilden, viele ein- und zweisilbige Wörter verwenden, klar und deutlich sprechen und die Gemeinde öfter mal anschauen. Und sie sollen sich nicht scheuen, auch mal einen Kernsatz zu wiederholen.
Wie kann das Gesagte noch besser als „Frohe Botschaft“ ankommen?
Wir haben ein feines Gespür dafür entwickelt, ob der Prediger auch meint, was er sagt. Mit anderen Worten: die eigentliche Predigt eines Geistlichen ist sein eigenes Leben. Redekunst hin oder her – auch die Feldpredigt bekommt nicht durch die Worte ihr Gewicht, sondern durch die Person. Die Rhetorik ist selten auf Augenhöhe mit der Wahrheit. Aber die redende Person sollte es sein. Ob gestottert, verhaspelt oder einfach nur unbeholfen – die Wahrheit ist immer sagbar.

- Die Kapelle auf dem Berg der Seligpreisungen. Foto: KNA







