Aktuelle Ausgabe
2012-20

Einig im Grundsatz, vielfältig in den Formen

Eins sein auf dem Kirchentag

„...damit sie eins sind...“ 1971 war die sogenannte Mischehe beherrschendes Thema beim evangelischen Kirchentag.Foto: KNA

Wenn jetzt in Bremen der Evangelische Kirchentag gefeiert wird, wundert es niemanden, auch katholische Geistliche zu sehen. Etwa beim Himmelfahrtsgottesdienst den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, zu dessen Bistum Bremen gehört. Oder beim Schlussgottesdienst Erzbischof Reinhard Marx, der zum Ökumenischen Kirchentag 2010 nach München einlädt.

von Susanne Haverkamp

Katholiken sitzen auf Podien, sind in Musikgruppen aktiv und als Kirchentagsbesucher dabei. In allen Arbeitsgruppen haben Katholiken mitgedacht, Ordensschwestern ließen sich für die „Bettenkampagne“ liegend ablichten. Fast so, als sei die Bitte Jesu schon erfüllt: „Vater, bewahre sie in deinem Namen, damit sie eins sind wie wir.“
Aber seit wann ist ein Evangelischer Kirchentag auch ein ökumenisches Ereignis? „An der Wiege der Kirchentage stand die Ökumene“, sagt Konrad von Bonin, der 16 Jahre hauptberuflich für den Deutschen Evangelischen Kirchentag arbeitete. „Ökumene war eine Gründungsidee.“ Die Idee kam von Reinold von Thadden-Trieglaff. Der Spross aus pommerschem Adel, geboren 1891, war durch die Kriege geprägt. Der Zweite Weltkrieg endete für ihn in russischer Gefangenschaft. Dort reifte in ihm die Überzeugung, dass die Christenheit nach dieser Katastrophe eine neue, große Aufgabe hat. Die Christenheit, nicht nur die evangelische Kirche. So war es nur logisch, dass von Thadden-Trieglaff Kontakte pflegte. Etwa zum Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. Oder zu dem damaligen Fuldaer Bischof Johann Baptist Dietz, mit dem er regelmäßig einen Wein trank. „Vielleicht ist auch deswegen die Geschäftsstelle des Kirchentags in Fulda“, sagt Konrad von Bonin.
Dennoch: Zunächst standen andere Dinge im Vordergrund. „Der Kirchentag war vor allem eine Sammlung der Flüchtlinge aus dem Osten“, sagt Bonin. Besonders für die frommen Christen aus Pommern und Schlesien war er Ort der Begegnung. Hinzu kam: Der Kirchentag war „eine Stimme der evangelischen Kirche in der katholischen Republik Adenauers“. Also gerade kein „eins sein“, sondern eine Selbstvergewisserung: Wer sind wir, was wollen wir? Dazu passt, dass damals der Kirchentag eher „von oben“ gesteuert war.
„Ende der 60er-Jahre war dieser alte Kirchentag tot“, sagt Bonin. In der Gesellschaft hatte sich viel getan: die 68er-Revolution, Kritik am „Muff von 1000 Jahren“. „Von oben“ war grundsätzlich out. Dagegen erreichte das Gespräch mit der katholischen Kirche neue Höhen. Das Zweite Vatikanische Konzil, das Dekret über die Ökumene ließ hoffen. So fiel der Evangelische Kirchentag 1971 aus, und man lud zum „Ökumenischen Pfingsttreffen“ ein, gemeinsam veranstaltet vom Evangelischen Kirchentag und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Eins zu sein oder zu werden, das wünschten viele, und die Forderungen an die Kirchenleitungen waren konkret. Etwa: „Die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der EKD werden aufgefordert, in der Frage der Interkommunion nach befriedigenden Lösungen zu suchen. Bis dahin möge es den Mitgliedern der anderen Konfession nicht verwehrt werden, am Herrenmahl teilzunehmen!“ Eine klare Aussage: Gegenseitige Einladung zur Eucharistie ab sofort, feste Regelungen später, unabhängig von Rom! Margot Käsmann überlegt im Buch „60 Jahre Evangelischer Kirchentag“: „Ob es die Radikalität dieser Forderungen war, die dazu führte, erst einmal in traditionellere Bahnen zurückzukehren?“
Doch immerhin: Katholiken auf dem Kirchentag wurde immer selbstverständlicher: als Gäste, als Referenten, als Mitglieder in den Vorbereitungsgremien. Dabei spielte, meint von Bonin, die „Institution Kirche“ eine geringe Rolle. „Das Gespräch wurde getragen von Menschen, die die Trennung der Kirchen nicht wollten.“ Vorbehalte gegen die Einbeziehung von Katholiken gab es nicht. „Viele von uns meinten: Wir sind ja doch alle eins! Da gab es eine große Naivität.“ Auch gemeinschaftlich Abendmahl wurde gefeiert. „Wir haben das geduldet, aber nie an die große Glocke gehängt.“ Das Frauenprogramm prägten katholische Frauen. „Es gab eine große Neugier auf Ordensfrauen, überhaupt auf Spiritualität.“
Neugier, das ist eigentlich der Kernbegriff. „Kirchen- oder Katholikentage sind die Gelegenheit, die andere Konfession kennenzulernen“, sagt Bonin. Besonders deutlich war das bei den Vorbereitungen zum Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin. „Das Wichtigste ist im Vorfeld gelaufen: die Gespräche und Diskussionen in dem Arbeitsgruppen, aber auch auf Gemeindeebene, wenn Chöre oder evangelische und katholische Pfadfinder sich trafen.“ Dann kam das Gefühl auf, eins zu sein, einig als Christen in einer immer unchristlicheren Umgebung. Jesus spricht es in seinem Abschiedsgebet an: „Die Welt hat sie gehasst.“ Und: „Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.“
Kirchen- und Katholikentage sind dafür ein Zeichen: In der Welt, aber nicht von der Welt. Einig sein in den Grundsätzen, aber vielfältig in den Formen. „Eine Vereinigung der Kirchen ist nicht der Wunsch“, sagt Konrad von Bonin. Im Gegenteil: „Bayrischer Barock und die Kantaten von Bach, diese Vielfalt ist ein Schatz.“ Wichtiger sei es, gemeinsam etwas zu erreichen. Etwa in der weltweiten Ökumene. Auch dafür könne der Kirchentag ein Motor sein, wenn Gäste aus aller Welt zusammenkommen. „Auf dem Kirchentag kann man sich kennenlernen, phantasievoll sein und gelassen gegenüber den Kirchenleitungen.“ Ein bisschen ökumenische Spielwiese. Und beim Spielen, sagt Konrad von Bonin, darf man so ja einiges.


22.05.2012
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