2009 jährt sich der Todestag Joseph Haydns zum 200. Mal Der Musikwissenschaftler Dr. Meinrad Walter über die Bedeutung des Komponisten
„Ein vielfältiges und großartiges Lebenswerk“

- Dr. Meinrad Walter studierte Musikwissenschaft und Theologie in Freiburg und München. Nach Tätigkeiten in Wissenschaft, Journalismus, Verlagswesen und Musikmanagement ist er seit 2002 Mitarbeiter im Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg. An der Musikhochschule Freiburg unterrichtet er Theologie und Liturgik.
Der Freiburger Musikwisenschaftler Dr. Meinrad Walter stellt in seinem Gastbeitrag einen Überblick über das umfassende Wirken Joseph Haydns vor. Gleichzeitig macht Walter deutlich, wie viel aus dem Schaffen des Komponisten noch zu entdecken ist.
von Dr. Meinrad Walter
Bei Staatsempfängen, Länderspielen oder um Mitternacht im Deutschlandfunk – Joseph Haydn, dessen 200. Todestag wir am 31. Mai 2009 begehen, ist immer mit dabei. Die 1797 komponierte Melodie zur deutschen Nationalhymne stammt aus seiner Feder. Ursprünglich war sie jedoch mit den Worten „Gott erhalte Franz den Kaiser!“ verknüpft, erst etwa ein halbes Jahrhundert später kam August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens Text hinzu. Haydn schätzte die Melodie so sehr, dass er sie auch noch für einen Variationensatz in seinem „Kaiserquartett“ verwendet hat.
Leider steht der Älteste im Dreigestirn der Wiener Klassiker bis heute etwas im Schatten der beiden anderen. Mit Mozart verband ihn eine tiefe Freundschaft, Beethoven war zeitweise Haydns Klavierschüler. Während sich jedoch für Mozart das Attribut des „Wunderkindes“ Triumphe durchgesetzt hat und Beethoven als genialischer „Titan“ gewürdigt wurde, galt der Dritte im Bunde allzu lang nur als „Papa Haydn“. Mozart hat dieses Wort wohl noch respektvoll gemeint und auf Haydn als Vater des Streichquartetts und der Sinfonie bezogen. Später dominierten im Haydn-Bild bisweilen die Züge des altmodisch-langweiligen Klassikers. In Wirklichkeit ist sein musikalisches Lebenswerk vielfältig und großartig: geistlich wie weltlich, mit viel Kammermusik und insgesamt 108 Sinfonien; etliche Opern sind zu verzeichnen und vor allem die beiden beliebten großen Oratorien „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“.
Der 1732 in Niederösterreich geborene Joseph Haydn war Sängerknabe am Wiener Stephansdom, dann zunächst freiberuflicher Musiker, nach seinem 30. Lebensjahr schließlich in höfischen Diensten bei der adligen Familie Esterházy. Auf deren Schlössern wirkte er als Komponist, Kammermusiker und Dirigent. Er spielte Violine, Viola, Klavier und Orgel. Zweimal besuchte er London, wo ihm sogar die Ehrendoktorwürde zuteil wurde. Kirchenmusikalische Höhepunkte sind die großen Messen mit ihren charakteristischen Beinamen wie „Paukenmesse“, „Nelsonmesse“ oder „Theresienmesse“. Ein wunderbares Frühwerk ist sein „Stabat Mater“, das er 1767 mit 35 Jahren komponiert und Johann Adolph Hasse – einem Freund J. S. Bachs – zur Begutachtung vorgelegt hat. Haydn umgreift in seiner Person und seinem Werk die Epochen des ausgehenden Barock, der Klassik und der beginnenden Romantik. Wie tief er beim Komponieren in den Geist der Bibel und Frömmigkeit eingedrungen ist, hören wir in den „Sieben Letzten Worten des Erlösers am Kreuz“ für Streichquartett, in denen er die Passion musikalisch meditiert. Sieben langsame, höchst expressive Sätze münden eine musikalische Darstellung des Erdbebens nach Jesu Tod. In der Gunst des Publikums steht wohl die „Schöpfung“ an erster Stelle: als musikalische Auslegung der biblischen Schöpfungserzählung im Geist frommer Aufklärung. In der Geschichte der musikalischen Bibelauslegung gebührt Haydn ein Ehrenplatz. Als er auf der Suche nach einem Thema für ein Oratorium war, soll ihm ein englischer Geiger gesagt haben: „Nehmen Sie die Bibel und fangen Sie gleich vorne an!“ Als Ouvertüre erklingt vielleicht deshalb die musikalische „Vorstellung des Chaos“, eine Art Verwirrspiel in Klängen, weil hier die Formen erst allmählich aus einem klanglichen Nebel entstehen.
Vieles ist neu zu entdecken bei Haydn! Vom niedlichen Bild des „Papa Haydn“ dürfen wir ein wenig Abstand nehmen in diesem Jubiläumsjahr. Es wird diesem Komponisten nicht gerecht, der in die Tiefen der Tonkunst eingedrungen ist. Zu wünschen ist, dass neben den längst eingeführten Werken nun auch die weniger bekannten nach und nach entdeckt werden.
Charakteristisch für die Person Joseph Haydn ist seine optimistische Frömmigkeit. An erster und letzter Stelle steht das Lob Gottes; begleitet wird es von der tätigen Zuwendung zu den Menschen. Deshalb sei in Haydns 200. Todesjahr an sein handschriftliches Testament erinnert, in dem er neben dem Pfarrer und etlichen Musikern auch die „treue und rechtschaffene Köchin“ sowie den „Spitalfonds der Armen“ mit einer Zuwendung bedacht hat. Das letzte, was er vor seinem Tod noch am Klavier gespielt hat, war sein „Kaiserlied“. Bei der feierlichen Totenmesse in der Wiener Schottenkirche erklang Mozarts Requiem.






