Aktuelle Ausgabe
2012-20

Die Marienkirche in Verl-Kaunitz tauschte die Kirchturmglocken aus

Ein historischer Balanceakt

Angekommen: Mit Hilfe eines Flaschenzuges, holt Matthias Faber die Mutter-Anna-Glocke durch das offene Turmfenster in die Glockenstube.

Verl-Kaunitz. Die jüngsten der gut 200 Zuschauer erfuhren erst später, welchem historischen Ereignis sie beigewohnt hatten. 90 Jahre nachdem drei Stahlglocken in den Kirchturm der Marienkirche Kaunitz gehievt worden waren, wurden selbige jetzt ausgebaut und durch vier neue und wenige Tage zuvor geweihte Bronzeglocken ersetzt. Ein bewegendes Schauspiel.

Von Hubertus Ebbesmeyer

Und eines, das die Kaunitzer und natürlich Pfarrer Joachim Cruse zugleich sehr stolz machte. Mit Fotohandys und digitalen Kameras verfolgten sie, wie auf dem frisch verlegten Pflaster die Stahlplatten für den 42-Tonnen-Kran verlegt wurden, mit dem der Austausch der Glocken erfolgte.
Tags zuvor hatten Junior­chef Julius Maas von der Eifeler Glockengießerei Mark-Maas und sein Mitarbeiter Matthias Faber mit den Vorarbeiten begonnen. Die Stahlglocken wurden aus dem Glockenstuhl genommen und die größte von ihnen gar mit einer Flex getrennt, damit sie überhaupt durch das 1,13 Meter breite und 2 Meter hohe Fensterjoch passt. Schwungräder, Klöppel und Hammer mussten ebenfalls runter.
Vor den Augen der verblüfften Besucher bauten die Glockenfachleute in einem Arbeitskorb hoch über dem Platz schwebend zunächst das Zifferblatt der Turmuhr aus. Kranführer Klaus Kutz bewies dabei ein sicheres Händchen: „Alles Routine“, meinte er und holte nach und nach die übrigen Glocken aus dem Turm, während kfd-Damen für die frierenden Augenzeugen Kaffee reichten.
Und dann brandete erstmals Applaus auf: Die kleinste der neuen Glocken, die der Pfarrpatronin Immaculata, verschwandt durch die Luke im Turm.
Nun nahm der zuvor sehr freundliche Umgangston der Glockenmonteure an Schärfe zu. „Uns wird es bald zu dunkel“, sagte Matthias Faber nervös. Jetzt musste erst mal Werkzeug hoch. Schrauben und Bolzen für die Befestigung der Klangkörper im hölzernen Glockenstuhl und auch die Klöppel und Holzjoche für die Aufhängung.
Noch dreimal gab es Beifall, bis in der Dämmerung auch die größte, die Christus-Glocke, per Flaschenzug in der Turmstube abgesetzt wurde.
Während die alten Stahlglocken bald vor dem Pfarrhaus (Cruse nennt als neue Adresse „Glockengasse Nummer 1“) aufgestellt wurden, hatten die Monteure alle Hände voll zu tun. Die neuen Bronzeglocken mussten im Glockenstuhl aufgehängt werden. Morsche oder gerissene Bretter und Balken mussten ersetzt werden. Selbiges geschah im Glockenboden. Bisher fehlte an einem Glockenjoch bei einer Schraube die entsprechende Mutter. „Das wurde damals einfach nur mit Draht fixiert. Lebensgefährlich“, sagt Pfarrer Cruse heute.
Er freut sich, dass darüber hinaus bald auch die Turmuhr aufgearbeitet wird. Abschließend werden Schallluken angebracht und Zifferblatt und Zeiger müssen wieder vor das Turmjoch.
Am 15. November ist der große Tag, an dem die Glocken erstmals und gemeinsam mit der fünften, der historisch überlieferten Maximilianglocke von 1882 erklingen sollen. „Auch das wird ein Tag, an dem die Kaunitzer sehr stolz sein werden“, vermutet Pfarrer Cruse.


22.05.2012
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