Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Ein eigenartiger Herrscher

Pfarrer Dr. Thomas Witt

Das Evangelium zum 14. Sonntag im Jahreskreis überliefert uns Worte Jesu über sich selbst. In diesen Worten finden sich ganz verschiedene Zugänge zu ihm, wie der Delbrücker Pfarrer Thomas Witt in seiner Betrachtung darlegt. Zum einen erscheint Jesus hoheitsvoll und mächtig, zum andern aber voller Demut.


Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn, und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ Dieses selbstbewusste Wort Jesu über seine Sendung macht seine Stellung zum Vater und zu den Menschen klar: Er ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen.
Diese Worte lassen den Gottessohn vor unseren Augen erstehen, wie man sich den Sohn Gottes vorstellt: groß und mächtig und allen überlegen. Aber dies ist nur der eine Teil der Wahrheit. Jesus beschreibt sich selbst im folgenden als gütig und von Herzen demütig. Das passt schon nicht mehr so deutlich zu einem großen Herrscher. Da wird die Spannung deutlich, in der Jesus steht und die auch von seinen Jüngern erfahren wird: Er ist der Herr, der Sohn Gottes, der einzige Mittler. Aber seine Herrschaft folgt anderen Gesetzen als die der Menschen.
Die Größe Jesu zeigt sich in seiner Demut, in seinem Willen zum Dienst an den Menschen. Seine Größe offenbart sich in der Fähigkeit, auf die eigene Macht und Herrlichkeit zu verzichten, sich selbst zu erniedrigen, um andere zu erhöhen.
An wohl kaum einer Stelle der Evangelien wird dies so deutlich wie in der Passion Jesu. Auf die Frage des Pilatus, ob er ein König sei, antwortet nur: „Du sagst es.“ Aber sein Reich ist nicht von dieser Welt und es folgt auch nicht den Maßstäben dieser Welt. „Die Könige herrschen über ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende. Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient. Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.“ (Lk 22, 25-27) Da wird unsere normale Wertordnung auf den Kopf gestellt. Und das ist eigentlich nichts, was uns auf Anhieb begeistern kann.
All diese Worte Jesu kennen wir gut. Und wir wissen, dass das Streben der Christen ein anderes sein soll als das der anderen Menschen. Und doch sieht es bei uns oft so anders aus, oder besser: es sieht eben nicht anders aus als bei den anderen Menschen. Wir wünschen uns ebenfalls Ansehen und Wertschätzung bei den Menschen. Und was unternehmen wir nicht alles, um dieses Ansehen zu gewinnen.
Wir möchten gern Jünger Jesu sein. Aber wir möchten gleichzeitig angesehen und weise in den Augen dieser Welt sein. Und so ist uns im Grunde ein König, der der Diener aller ist, genauso fremd wie er es zur Zeit Jesu war. Wie sehr würden wir uns manchmal wünschen, daß Jesus wie ein großer Herrscher aufträte, ein Machtwort in all den Irrungen und Wirrungen dieser Welt spräche und so allen deutlich machte, dass seine Maßstäbe gelten. Dann würden wir gern diesen Maßstäben folgen. Dann wäre ja für alle offensichtlich, dass Jesus der Herr der Geschichte ist. Dann stünden wir für alle sichtbar auf der Gewinnerseite.
Aber das ist nicht der Weg Jesu. Er geht den Weg des geduldigen Leidens, der Güte auch gerade gegenüber seinen Feinden. Er lebt vor, dass Demut und Güte in dieser Welt nicht Grund für große Belohnungen sein werden. Erst am Tag seiner Wiederkunft wird für alle deutlich werden, dass sein Weg der Königsweg war. Erst dann werden auch wir, seine Jünger, schauen können, was wir jetzt in Glaube, Hoffnung und Liebe erwarten: Den Sieg des Geringen und Schwachen über das Starke und Mächtige.
Obwohl Jesus also einen Weg geht, der unsere Erwartungen über das Eingreifen Gottes in dieser Welt auf den Kopf stellt, ist er doch derjenige, bei dem wir als Geplagte und Lasten tragende Ruhe finden können. Diese Ruhe, die erlösend wirkt, besteht darin, nicht nach den Maßstäben dieser Welt immer weiter zu streben nach Aufstieg, Geld- und Machtgewinn, sondern den Kreislauf dieses Strebens zu durchbrechen, der viele Menschen überfordert und krank macht. Jesus gibt uns durch sein Beispiel dazu die Möglichkeit. Er nimmt uns ohne all die Vorzüge dieser Welt an. Wir brauchen nicht erfolgreich zu sein, um vor ihm bestehen zu können. Wer diesem Ruf Jesu folgt, der kann auch jetzt schon die erlösende Kraft dieses einfachen und demütigen Weges erfahren.

Pfarrer Dr. Thomas Witt,
Leiter des Pastoralverbundes
Delbrück und Sudhagen,
Dechant des Dekanates
Büren-Delbrück,
Kirchplatz 11, 33129 Delbrück


22.05.2012
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