Aktuelle Ausgabe
2012-20

Kommentar

Ein Meilenstein

von Matthias Nückel

Es war nicht anders zu erwarten: Der Brief des Papstes zum sexuellen Missbrauch an die Katholiken in Irland ist in Deutschland unterschiedlich bewertet worden. Kritisiert wird vor allem, dass keine eigene Äußerung zu den Fällen in Deutschland in dem Schreiben enthalten ist.
Um den Hirtenbrief einordnen und bewerten zu können, müssen drei Aspekte berücksichtigt werden.
Der Zeitfaktor: Viele Menschen erwarten zum sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester und Ordensleute eine schnelle Reaktion des Papstes. Doch ein Hirtenbrief des Oberhauptes der katholischen Kirche ist kein Talk-Show-Äußerung, die schon morgen vergessen ist. Deshalb braucht ein solcher Brief Zeit – obwohl eine Wegweisung bei solch einem Thema etwas schneller erfolgen müsste.
Die Form: Der Brief ist in der Form nicht gerade geeignet, den Durchschnittskatholiken anzusprechen. Sprachlich wirkt er in vielen Passagen abgehoben. Eine Sprache, die näher bei den Menschen ist, täte auch vatikanischen Dokumenten gut.
Der Inhalt: Die Mängel bei Zeit und Form jedoch werden durch den Inhalt wieder wettgemacht. Der Hirtenbrief hat enorm starke Passagen, die es an Eindeutigkeit nicht fehlen lassen. Besonders hervorzuheben sind die einfühlsamen Worte an die Opfer. Und die Kritik an den Bischöfen, die Missbrauchsfälle vertuscht haben, formuliert der Papst in einer Eindeutigkeit, die mancher so nicht erwartet hätte.  
Durch die grundsätzlichen Aussagen des Papstes ist sein Hirtenbrief auch ein nicht nur an die Iren gerichtetes Dokument. Die Grundsätze gelten für alle Diözesen, in denen es Missbrauchsfälle gegeben hat.
Dennoch ist der Hirtenbrief noch nicht der große Befreiungsschlag. Aber er kann ein Meilenstein bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle sein, wenn die Bischöfe in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich die notwendigen Konsequenzen ziehen.


22.05.2012
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