Junge Männer als Friedensarbeiter in Serbien
Ein Geschenk des Himmels

- Da kommt die Freude im Spiel wieder zurück: Traumatisierte Kinder in einem Flüchtlingslager südlich von Belgrad werden von jungen deutschen Friedensdienstleistenden betreut. Die Bistümer Mainz, Trier und Limburg hatten die Initiative dazu übernommen, mittlerweile läuft das Hilfsprojekt für die serbischen Kinder sehr effektiv.
Mainz/Belgrad. Die Zivildienstzeit war gerade zu Ende, die „Pflicht“ erfüllt. „Ich wollte aber zeigen, dass ich es mit den Gründen, warum ich Zivi geworden bin, sehr ernst meine“, sagt Tobias Küsters aus Mainz, heute 24 Jahre. In dem Brief, den er damals zur Verweigerung des Wehrdienstes an der Waffe geschrieben hat, stand auch sein Wille, „etwas zum Frieden in der Welt beizutragen“. Also machte er sich nach seinen offiziellen Monaten als Zivi auf den Weg und suchte eine Möglichkeit, etwas zu tun. Für Pax Christi engagierte er sich in einem Flüchtlingslager in Serbien. Für den jungen Mann ein Dienst ganz im Sinne des Evangeliums.
Er wollte etwas zum Frieden in der Welt beitragen. Weil dies zwar auch, aber nicht nur im sozialen Bereich in einem Alten-, oder Pflegeheim oder in einer Einrichtung der Jugendhilfe geschieht, deshalb wollte Küsters „noch mehr“ machen. Da kam die Aktion der Bistümer Mainz, Trier und Limburg zusammen mit „Pax Christi“ und der serbischen Nicht-Regierungsorganisation „Zdravo da Ste“ (zu deutsch: „Damit es dir gut gehe!“) gerade recht: „Gehversuche, Friedensschritte“.
Gesucht wurden junge Männer, die für drei Wochen in ein Flüchtlingslager in Serbien gehen, um dort mit den vom Krieg auf dem Balkan traumatisierten Kindern zu spielen, mit ihnen zu malen, Sport zu treiben und sie so auf andere Gedanken zu bringen. Ein Friedensdienst. Und Tobias Küsters hat erfahren: „So ein Leuchten in den Augen wie bei diesen Kindern habe ich noch nie gesehen.“ Mit ein paar Stiften und ein paar Blättern Papier hat der junge Christ verstörte Kinder zum Sprechen gebracht und auch wieder – zum ersten Mal seit Jahren – zum Lachen. Das sei wie ein Wunder gewesen. „Auch das ist so etwas wie Tote zum Leben erwecken, zumindest aber Kranke zu heilen, wie es das Evangelium sagt“, ist Küsters überzeugt.
Er hat sich in diesen Dienst senden lassen als Friedensarbeiter, ehrenamtlich, ohne Bezahlung. Und seitdem ist er jedes Jahr mitgefahren: Drei Wochen im Sommer lebte er – zunächst als Teilnehmer, dann als Begleiter und Betreuer für die kommenden Zivi-Generationen – in den Lagern Petrovac (120 km südlich von Belgrad) und Cardak (90 Kilometer östlich von Belgrad). Seine Erfahrungen dort haben ihn so geprägt, dass er heute die jungen Männer ausbildet und begleitet, die in diesem Sommer nach Serbien fahren. So will er an andere weitergeben, was er empfangen hat.
Einer dieser „Neuen“, die am 19. Juli im Hof des Mainzer Ordinariates mit Gebet und Segen ausgesandt werden, ist David Schoppa (20) aus Hamburg. Nach seinem Zivildienst in einer psychosozialen Betreuungseinrichtung wollte auch er „mehr“ machen. Zwar sind die Sprachbarrieren mit der slawischen Bevölkerung für den Sohn polnischer Eltern einfacher zu nehmen. Und doch muss auch er sich – wie die anderen acht Zivis in diesem Jahr, die in diesem Sommer für drei Wochen in die Lager fahren werden – zumindest mit einigen Grundwörtern vertraut machen, um sich verständigen zu können. Dazu kommen Informationen über das Lagerleben, die Situation vor Ort und die alltäglichen Dinge, die es zu berücksichtigen gilt.
Im Lager Kalenic, 70 Kilometer südlich von Belgrad, in das David Schoppa gehen wird, leben etwa 350 Menschen auf engem Raum in Baracken, die Arbeiter eines Kohletagebaus zurückgelassen haben. Auch etwa 50 Kinder kroatischer Herkunft, die vor den Kriegen in Kroatien, Bosnien und im Kosovo geflohen sind, sind darunter. 90 Prozent der Menschen dort sind orthodoxe Christen aus der Krajina, die in Kroatien als Serben gesehen werden, in Serbien aber von den Behörden als kroatische Staatsbürger. So sitzen sie zwischen allen Stühlen und werden durch den politisch ausgerufenen Frieden zudem nicht mehr als Flüchtlinge gesehen, was ihre Lage noch schwerer macht.
Die Solidarität der deutschen Zivis kommt an. „Wir erleben, wie sich das Sozialverhalten der Kinder ändert“, erzählt Tobias Küsters. „Jungs, die sich früher nur mit Fäusten zu wehren wussten, entdecken neue Formen der Gemeinschaft.“ Es sei beeindruckend: „Kinder, die in der Hackordnung des Lagerlebens ausgegrenzt waren, gehören plötzlich wieder dazu“, berichtet Tobias Küsters und erinnert sich auch an eine Begegnung mit einer alten Frau im Lager, die gezeichnet von Erlebnissen im Krieg, an dem auch deutsche Soldaten beteiligt waren, sagte: „Ihr seid ein Geschenk des Himmels, könnt ihr nicht für immer bleiben?“ Dass junge Männer nicht mit Waffen, sondern mit anderen Mitteln für den Frieden kämpfen, ist für viele der dort Lebenden neu.
Solche Erfahrungen „von einem kleinen Stück Himmel auf der Erde“ mache die jungen Männer, die im Dienst des Friedens kommen, selbst zu Beschenkten. „Da ist spürbar: Das Himmelreich ist nahe“. Und sie geben nicht nur ihre Zeit und ihren Einsatz, sondern legen auch noch die Fahrtkosten drauf und suchen deshalb durch Spender und Sponsoren Unterstützer, die für die Kosten des Aufenthalts aufkommen. Die Bistümer, die den Einsatz organisieren, geben jeweils einen Zuschuss. Aber inzwischen sind auch Zivilidienstleistende aus anderen Bistümern, von Augsburg bis Hamburg, von Leipzig bis Mainz an der Aktion beteiligt. „Was wir zurückbekommen an diesen kleinen Wundern, die unsere Anwesenheit vollbringt, ist für mich selbst ein Geschenk des Himmels“, sagt Tobias Küsters.
Michael Kinnen
Weitere Informationen gibt
es im Internet auf der Seite:
www.friedensschritte.de






