Kommentar
Ehrlich währt am längsten
Wegen zweier Pfandbons, die sie unrechtmäßig eingelöst haben soll, hat eine Supermarkt-Kassiererin in Berlin jetzt nach 30 Jahren ihre Stelle verloren. Zwei Instanzen bestätigten die Rechtmäßigkeit der Kündigung aus Vertrauensverlust.
Christian Schlichter (45) ist Chefredakteur des DOM
Geht es um 1 Euro und 30 Cent? Geht es um die Ehrlichkeit einer Kassiererin? Oder geht es um das Prinzip? Der Fall der Kassiererin, die wegen zweier Pfandbons ihren Job verlor, bewegt die Nation. Und dabei hat das „gesunde Volksempfinden“ recht schnell den Vergleich zu den bösen Bankern gezogen. Wenn die Kleinen für 1,30 gehen müssen, dann sollen sich die Großen doch auch für ihre Millionen verantworten.
Doch der Vergleich hinkt. Das mag schmerzen, aber für diejenigen, die sich bereichern, die betrügen oder die das schnelle Geld in Form von Prämien für Bankendeals mitnehmen, müssen andere Strafen gefunden werden. Für die Kassiererin, die ob nach 31 Jahren oder fünf Wochen Betriebszugehörigkeit, ob 1,30 oder 500 Euro nicht sauber abrechnet, gibt es in der Regel nur eine Konsequenz. Und das ist mangels Vertrauens meist eine Kündigung. Auch wenn im betreffenden Fall sicher ein wenig Augenmaß beiden Seiten gut getan hätte.
Es wird viel von Ehrlichkeit und Vertrauen geredet. Mehr und mehr scheint aber genau das abhanden gekommen zu sein. Weil sich jeder seine Wertewelt selber bastelt. Und die Ehrlichkeit am Maßstab der großen Gauner gemessen wird. Dabei ist es egal, ob eine Kassierin 1,30, ein Banker 1 000 Euro oder ein Bankrotteur eine Million in die Tasche stecken: Ehrlichkeit fängt ganz alltäglich an. Und meist ist sie völlig unscheinbar. Das macht sie aber nicht weniger wichtig, bei jedem einzelnen. Das gilt für Große und für Kleine.






