Jesus lässt sich am Karfreitag nicht vom Leiden am Kreuz besiegen
Durch Gottes Liebe verschwindet der Schmerz

- Bischof Joachim Reinelt wurde 1936 in Neurode (Schlesien) geboren. 1954 Abitur im sächsischen Radeberg, Theologiestudium in Erfurt und Neuzelle. Priesterweihe 1961. Nach Kaplans- und Pfarrersjahren berief Bischof Gerhard Schaffran ihn 1986 als Diözesancaritasdirektor. Bischofsweihe 1988 in der Dresdner Kathedrale. In der Deutschen Bischofskonferenz ist Bischof Reinelt Vorsitzender der Caritaskommission und stellvertretender Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen.
Am Karfreitag standen das Leiden und der Schmerz Christi am Kreuz im Mittelpunkt. In der Osternacht fällt dieses bedrückende Bild zusammen und wird ersetzt durch den Auferstandenen. War aber die „Pein“ Jesu dann notwendig? „In seinem unendlichen Schmerz, der unsere Erlösung bewirkte, hat Jesus sich mit uns allen solidarisch gezeigt“, beschreibt das der Dresdener Bischof Joachim Reinelt für den DOM.
von Bischof Joachim Reinelt
Der Schmerz ist einer der geheimnisvollsten Aspekte unseres Lebens. Wir würden ihn gern vermeiden, doch früher oder später trifft er uns. So wie ein einfacher Kopfschmerz, der selbst die gewöhnlichsten Handlungen unseres Alltags belastet, ein Scheitern im Job, ein Unfall, Angst vor Krieg, Terrorismus und Naturkatastrophen …
Angesichts des Schmerzes erfahren wir unsere ganze Ohnmacht. Auch Menschen, die uns nahestehen und uns gern haben, können in solchen Momenten oft keine Lösung anbieten. Was hingegen manchmal hilft, ist ein Mensch, der den Schmerz still mit uns teilt. Genau das hat Jesus getan: Er ist gekommen, um jedem Menschen nahe zu sein, um alles mit uns zu teilen. Nicht nur das: Er hat sogar all unsere Schmerzen auf sich genommen. Er ist mit uns zum Schmerz geworden, bis dahin, dass er schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Jesus lässt sich jedoch nicht vom Schmerz besiegen. Vielmehr verwandelt er ihn, wie durch einen „göttlichen Umwandlungsprozess“ in Liebe. In dem Augenblick, als er sich unendlich fern vom Vater fühlte, überlässt er sich in einem heroischen Akt des Glaubens der Liebe des Vaters: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“
Es gibt kein größeres geschichtliches Ereignis, als die Hingabe Gottes an die Menschheit, die Hingabe des Sohnes an den Vater, aus Liebe zu uns, nichts kann das übertreffen. Gott greift ein, Gott verändert, Gott erneuert, Gott fängt an.
Jesus will den Platz eines jeden Leidenden einnehmen. Das ist die größte Stunde Gottes mit den Menschen. Gott liebt bis zum Letzten, bis in den tiefsten Punkt und holt uns durch seine Liebeshingabe in den Tod zum Leben, zum Licht.
Um dieses Licht weiter zu geben, gilt eine Bedingung: Alles andere liegen lassen, frei werden. „Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.“ (Mt 4,20) Levi hatte eine hervorragende Arbeitsstelle. Er saß am Zoll. „Da stand Levi auf und folgte ihm“ (Mk 2,14). Einer aber ging traurig weg, denn er hatte ein großes Vermögen, und Jesus sagte: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes gelangt.“ (Mk 10,25) Haben wir Heutigen mit dem Schritt vom Dunkel zum Licht vielleicht deswegen unsere besonderen Schwierigkeiten, weil wir an den Dingen, Plänen und eigenen Vorstellungen hängen? Menschen, die sich auf ihren Mitmenschen konzentrieren, werden frei für die Liebe, die sehend macht. Wenn wir darauf achten zu lieben, auf Gottes Gnade zu antworten, das zu wollen, was er in jenem Moment von uns möchte, dann erfahren wir oft, dass der Schmerz in vielen Fällen verschwindet. Denn die Liebe zieht die Gaben des Geistes an: Freude, Licht und Frieden. Eine Liebe nach göttlichem Stil. Sie zwingt nicht, drängt nicht, sondern lässt den Anderen zur Entfaltung kommen. Sie lässt den Anderen wachsen. Sie hat Geduld und gibt dem Bruder und der Schwester Bewegungsfreiheit. Erlischt diese Liebe, wird es dunkel.
Jesus nahm sich der Nöte an. Wo er war, galt: „Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Armen wird die Frohe Botschaft verkündet.“ Diese Frohe Botschaft war aber weit mehr als ein aufmunterndes Wort! „Das Himmelreich ist nahe.“ Das heißt: jetzt ist Gott ganz neu zu euch gekommen. Jetzt nimmt er uns hinein in seinen Bereich. Jetzt ist es endlich vorbei damit, dass wir um uns selbst kreisen müssen. Nun besteht die Chance, befreit von allem Ballast der Pläne und Vermögen, einen ganz neuen Lebensstil zu entwickeln: Wir können die Gottesgegenwart in uns selbst, in unserem Nächsten und in unserer Gemeinschaft entdecken.
Dieses Geheimnis von Tod und Leben feiern wir an Ostern, dem Fest der Auferstehung.
In seinem unendlichen Schmerz, der unsere Erlösung bewirkte, hat Jesus sich mit uns allen solidarisch gezeigt. Er nimmt all unsere Mattheit auf sich, unsere Orientierungslosigkeit, unser Scheitern – und lehrt uns zu leben.






