Gedanken zum Evangelium
Du bist herzlich willkommen
von Stephan Schröder
Die folgende Geschichte kann eine Hilfe sein, um uns die Lesungstexte zu erschließen: Ein Mann aus den amerikanischen Südstaaten hatte lange Jahre im Gefängnis einsitzen müssen. Jetzt nahte allmählich der Tag seiner Entlassung. Frau und Kinder hatten ihn nur ganz selten besuchen können, weil sie so weit weg wohnten. Je näher die Entlassung kam, desto mehr zitterte er vor dem Augenblick, da er wieder frei sein würde.
Er hatte Angst, ob ihn die Seinen wieder aufnehmen würden, da doch im Dorf jeder wusste, was geschehen war. Deshalb bat er in einem Brief seine Frau um ein Zeichen: Wenn ich heimkehren darf zu dir, schrieb er, dann häng’ mir ein buntes Tuch in den Apfelbaum auf dem Hügel, den man vom Zug aus am ehesten sieht. Würde er bei seinem Kommen kein Tuch sehen, so beschloss er, dann würde er den Zug erst gar nicht verlassen und nie mehr heimkehren.
Der Tag der Entlassung war da. Schon seit Stunden saß er im Zug mit zugeschnürter Kehle und eiskalten Händen. Ein paar Kilometer waren es noch. Er starrte in die Kurve, die der Zug gerade durchfuhr. Da schoss ihm der Apfelbaum auf dem Hügel in die Augen. Er war mit Hunderten bunten Tüchern behängt.
Der Mann hat trotz seiner Schuld und aller Ungewissheiten den Weg nach Hause gewagt. Es weht ihm nicht nur ein Tuch, sondern hunderte entgegen als Zeichen, dass er herzlich willkommen ist. Er hätte sicherlich die Worte der Lesungstexte am heutigen Gaudete-Sonntag verstanden. Im Buch Zefanja heißt es: „Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!“ und im Brief an die Philipper: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“ Noch einmal sage ich: Freut euch!“. Gerade weil Gott uns soweit entgegenkommt, weil er Mensch wird, haben wir die Gewissheit, dass er uns einen Weg zu ihm aufzeigt.
Im Lukasevangelium heißt es: „Was sollen wir also tun?“ Diese Frage wird Johannes dem Täufer gestellt, weil die Menschen wissen wollen, wie sie sich auf die Ankunft des Herrn vorbereiten können. Wer Gott begegnen möchte, der soll sich an folgendes halten: „Teilt eure Kleider und euer Essen mit dem, der nichts hat. Denn ihm steht von den zwei Kleidern, die du hast, eines, also die Hälfte, zu. Den Zöllnern sagt er: Haltet euch an das Recht! Betrügt niemand und beutet nicht aus! Und den Soldaten: Hütet euch vor Gewalt!
Wer also dem Herrn begegnen will, der muss seine Mitmenschen im Blick haben. Es soll nicht einer des anderen Wolf sein. Sind wir dazu bereit?
Vielleicht schaffen wir es in den letzten Tagen im Advent neben all den äußeren Vorbereitungen uns in diesem Sinne vorzubereiten, umso konsequent den Weg zur Krippe zu gehen. Vielleicht schaffen wir es ohne Vorbedingungen zwischenmenschliche Barrieren aus dem Weg zu räumen, also Menschen in die Augen zu schauen mit denen wir unversöhnt sind. Im „Vater unser“ beten wir nicht ohne Grund: „… und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Vielleicht schaffen wir es, Menschen zu unterstützen, die dringend auf Hilfe angewiesen sind. Vielleicht schaffen wir es die Frohe Botschaft Jesu Christi unseren Familien, in unserer näheren Umgebung und in der Welt zu bezeugen. Papst Johannes Paul II. hat nicht ohne Grund einmal gesagt: „Der Weg der Kirche ist der Mensch.“ Dieser Weg führt konsequent zur Krippe. Gottes Freude über diesen Weg der Menschlichkeit ist unermesslich. Daher heißt er uns trotz unserer Schwächen herzlich willkommen!
In der Geschichte waren es noch ein paar Kilometer bis zur nächsten Kurve. „Da schoss ihm der Apfelbaum auf dem Hügel in die Augen. Er war mit Hunderten bunten Tüchern behängt.“







