Pflege-Fachtagung in der Stadthalle Werl informierte über innovative Wohn- und Lebensformen
Dorf für Demenzkranke als Vorbild
Werl. Wie jemand wohnt, hat großen Einfluss auf die Befindlichkeit eines Menschen. Das gilt für Gesunde, das gilt in besonderem Maße aber für Menschen mit Demenz. Wenn das Gedächtnis verblasst und die Sinne trüb werden, kann ein behagliches Umfeld einen letzten Rest Sicherheit geben. Wie aber lassen sich Wohnräume für Demenzkranke bedürfnisgerecht gestalten? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Fachtagung unter dem Motto „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“, zu der das Demenz Servicezentrum Region Münsterland (Ahlen) in die Stadthalle nach Werl eingeladen hatte.
von Kay Müller
Im Rahmen der Tagung wurden einige innovative Projekte vorgestellt, die Menschen mit Demenz ein geeignetes Wohnumfeld mit hoher Lebensqualität bieten sollen. So haben im Landkreis Stade zum Beispiel engagierte Angehörige vor sieben Jahren das „Hüsselhuus“ gegründet, eine Wohngemeinschaft, in der bis zu acht demenziell erkrankte Personen in einem familiären Rahmen zusammenleben. Das Besondere an dem Projekt ist, dass es bis heute von den Angehörigen selbst betrieben wird, die sich auch bei der Betreuung der Bewohner selbst stark mit einbringen. „Wir verstehen das auch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagte Regina Fleck, Vorsitzende des Vereins „Herbstzeitlose“, der das „Hüsselhuus“ begleitet. „Die Not in den Pflegeeinrichtungen in Niedersachsen ist groß. Wir wollten zeigen: So geht es auch!“
Ein besonders spektakuläres Beispiel für das Wohnen von Demenzkanken ist sicherlich das Pflegeheim De Hogewey in den Niederlanden: Hier ist auf einem Areal von über 15000 Quadratmetern gleich ein ganzes Dorf für Demenzkranke entstanden. Die 152 Bewohner leben in Wohngemeinschaften mit jeweils sechs Personen in ganz normalen Wohnungen. Der Clou: jede Wohngemeinschaft ist einem bestimmten Lebensstil zugeordnet, damit alle ihren Alltag so verbringen können, wie es ihren früheren Gewohnheiten entspricht.
„Unsere Idee war, dass ein großer Teil der Traurigkeit, der Ängstlichkeit und der Aggressivität von Demenzkranken nachlässt, wenn sie ihre Umgebung nur besser verstehen“, erklärte Yvonne van Amerongen, Leitende Mitarbeiterin für Qualität und Innovation der Stiftung Hogewey, das Konzept. „Und das hat tatsächlich funktioniert.“
Das Dorf der Demenzkranken verfügt über einen eigenen Supermarkt, ein Café, ein Theater, ein Restaurant, eine Arztpraxis und einen Frisör. Die Bewohner können sich überall frei bewegen. „Wenn jemand sich ins Café oder ins Restaurant setzt, bekommt er dort auch etwas serviert“, erklärt van Amerongen. Geld führen die alterverwirrten Menschen nicht bei sich: „Das würden sie nicht mehr verstehen“, so die Expertin.
Ansonsten ist in Hogewey alles darauf angelegt, den Bewohnern so viel Normalität wie möglich zu vermitteln. Die Pflegekräfte tragen keine Berufskleidung, „damit die Menschen nicht denken, sie seien im Krankenhaus“, so van Amerongen. Es gibt keine Besuchszeiten, Freunde und Angehörige können kommen, wann sie wollen. Es gibt sogar Vereine im Dorf, die von ehrenamtlichen Helfern organisiert werden.
2008 ist Hogewey in Betrieb gegangen, seitdem wurde das Konzept mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Pflegeexperten aus Europa und Übersee reisen in die Niederlande, um sich anzusehen, wie dort gearbeitet wird. „Neulich war auch eine Delegation des Deutschen Bundestages bei uns zu Gast“, berichtete Yvonne van Amerongen. Wer weiß, vielleicht macht das Modell ja Schule, und es wird eines Tages auch in Deutschland vergleichbare Einrichtungen geben.







