Aktuelle Ausgabe
2012-20

Wieso Jesus auszog, um in der Wüste mit den wilden Tieren zu leben

Die dunkle Seite des Menschseins

Den Wolf in sich bändigen, um das Schaf herauszuarbeiten. Die Berliner Künstlerin Deborah Sengl hat das mit lebensgroßen Figuren mit Wolfskopf und Schafsohren nachgestellt.

Frankfurt. Er ist als Kapuziner und Diplom Psychologe bei vielen ein geschätzter Begleiter in Exerzitien, Kursen und im Gespräch. Bei der Begleitung Anderer auf dem Weg zu Gott und zu sich selbst hat Pater Guido Kreppold nachgedacht über den Kampf zwischen Gut und Böse in jedem Menschen, wie es heute im Evangelium beschrieben wird.

von Andreas Kaiser

Bei der Taufe Christi öffnet sich zunächst der Himmel. Anschließend geht Jesus in die Wüste und wird vom Satan in Versuchung geführt. Was war da los?
Jesus hat eine Gottesbegegnung erlebt, die wir als einzigartig, zutiefst ergreifend und beglückend bezeichnen können. Dies bedeutet für ihn einen Umbruch seiner Persönlichkeit. Man stelle sich vor: Ein Mann, der bisher nur sein Dorf und seine Arbeit kannte, wird von etwas völlig Neuem überwältigt. Jesus erlebt sein Innerstes, sein einmaliges Sohn-Gottes- sein ganz bewusst. Man könnte auch sagen: Das Unbewusste wird aufgebrochen. Und da Jesus nicht allein Gott, sondern auch ganz Mensch ist, muss er neben edlen Inhalten auch den dunklen Kräften begegnen. Das muss verarbeitet werden. Auch die Heiligen Benedikt, Franziskus und Ignatius haben sich nach ihren Berufungsvisionen zunächst in die Einsamkeit zurückgezogen, um den inneren Geschehen nachzugehen. Es braucht Zeit, um Neuheitserfahrungen zu integrieren.

Was verbirgt sich hinter den Schilderungen vom Satan und den wilden Tieren?
Es gibt eine mythologische und eine psychologische Ausdrucksweise. In der Sprache der Psychologie sind es die dunklen und gefährlichen Antriebe, mit denen wir Menschen leben. Bei Lukas wird es noch deutlicher. Der Satan äußerst sich in drei Versuchungen, denen Jesus widersteht: Die Versuchung zum Egoismus oder zur persönlichen Bereicherung, die Versuchung zur Macht und zur Veräußerlichung des Glaubens. Die Auseinandersetzung mit der dunklen Seite des Menschseins wird in der Mystik als via purgativa beschrieben, als Reinigungsweg. Die Versuchung zur Macht durch das Religiöse wird ja in der Kirchengeschichte immer wieder offenbar. Heute ist beim Islam die Vermischung von Religion und Macht das große Thema.

Die Wüstenväter haben negative Charaktereigenschaften wie Neid, Gier, Trägheit oder Völlerei als Dämonen bezeichnet. Ist im vorliegenden Evangelium etwas Ähnliches gemeint?
In der mythologischen Weltsicht werden die Antriebe als äußere Figuren wahrgenommen. In der modernen Psychologie als innere Prozesse. Man kann aber beide Betrachtungsweisen nicht gegeneinander ausspielen. Die Impulse aus dem Unbewussten, die Stimmungen und Gefühle haben eine Eigentätigkeit, in einem gewissen Sinn einen eigenen Willen. Sie lassen sich nicht durch den bloßen Befehl des Ich verändern oder vertreiben. Wegen dieser Eigendynamik werden sie auch in Träumen oft als Personen oder als Tiere erlebt. Wölfe und Hunde entsprechen den Aggressionen. Doch ist der Wolf, das heißt die Aggression, nicht an sich schlecht. Um meinem äußeren Auftreten einen gewissen Biss zu verleihen, brauche ich die Kraft des Wolfes. Nicht umsonst sprach der Heilige Franziskus den Wolf als Bruder an. Der Heilige hat den Wolf in sich gebändigt, sich mit diesen Wesensanteilen ausgesöhnt, wie man in der Psychologie sagen würde. So dürfen wir auch Jesus sehen. Es heißt ja: „er lebte bei den wilden Tieren“. Er hat sich mit seiner menschlich-vitalen Seite versöhnt und verbündet, und aus ihrer Kraft gelebt.

Offenbar ist die Sache mit der Versöhnung nicht immer einfach. Der Apostel Paulus sagt im Römerbrief: „Nicht das Gute, das ich will, tue ich; sondern was ich nicht will, das Böse“…
Wenn ein Mensch sich selbst entfremdet ist, ist vieles verdreht. Unsere besten Absichten werden von einer ganz anderen, uns unbekannten Macht in die falsche Richtung gelenkt. Nicht jeder religiöse Eifer bewirkt schon Gutes. Eltern erreichen das Gegenteil, wenn sie ihr Kind mit bester Absicht aber mit Druck zum Glauben erziehen wollen. Der Widerstand gegen alles Religiöse bei vielen Erwachsenen dürfte da seine Ursache haben. Wie oft sagen wir: „Ich meine es mit dir nur gut“, und dabei setzen wir andere unter Druck und zwingen ihm unseren Willen auf.

Wie kann ich lernen, mich angemessen zu verhalten und nicht über das Ziel hinaus zu schießen?
Die entscheidende Frage beim inneren Wachstum ist die Bereitschaft, Kritik anzunehmen. Meist steckt in den Vorwürfen eines persönlichen oder weltanschaulichen Gegners oder des Ehepartners eine Wahrheit unseres Lebens, die wir nicht sehen wollen, die uns als Schatten begleitet und unsere besten Absichten verdirbt. Wir kommen deshalb in unserem Wachstum nur dann weiter, wenn wir innehalten und überlegen, was daran richtig ist, anstatt sofort wütend zurückzuschlagen.

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“, lautet das Sprichwort. Oder anders gefragt: Ist Selbstannahme der Schlüssel zur Heilung?
Sobald ich die Kraft der anderen Seite, meine ungeliebten Wesensanteile, Wunden und Gefühle, die ich eigentlich lieber verdrängen möchte, zulasse und ihre positive Seite annehme, kann meine Persönlichkeit heilen. Interessant ist in diesem Zusammenhang wie eng die Wörter heil und heilig beieinander liegen und wie sie mit dem Wort ganz verwandt sind. Dafür stehen die englischen Wörter holy (heilig) und whole (ganz). Damit verwandt ist auch das griechische Wort holos, das ebenfalls ganz heißt. Diese Nähe ist nicht zufällig. Heil werden bedeutet ganz werden. Dies gelingt nur, wenn wir die Kraft des Heiligen in uns zulassen.


22.05.2012
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