Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Die Zeit füllen? Die Zeit ist erfüllt

Pfarrer Johannes Hammer ist Pfarrer von St. Aloysius, Iserlohn, und Leiter des Pastoralverbundes Iserlohn-Mitte.

In der Verknüpfung der drei Schrifttexte des dritten Sonntags im Jahreskreis kommt Pfarrer Johannes Hammer zu dem Schluss, dass das Erleben der Nähe Gottes im gemeinschaftlichen Tun stark macht.

von Johannes Hammer

Es braucht nicht die Lektüre einer Sozialstudie, um Entwicklungen in der gegenwärtigen Zeit verfolgen zu können. Die Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, nicht zuletzt in der Kirche, sind für jeden erkennbar und spürbar. Dabei sind die Meinungen, wie oder was die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik oder die Kirche sein sollte, vielfältig. Bezüglich der Kirche Gottes spiegeln das die verschiedenen pastoralen Angebote und Aktivitäten der Kirchengemeinden wider. Auch im persönlichen Leben erkennen und erfahren wir Änderungen, Umschwünge, Abbrüche und Neuaufbrüche, die zuweilen widersprüchlich sein können. Nicht selten braucht es dabei einiges an Kraft zur Bewältigung.
Mit anderen Worten: Wir erleben momentan eine Zeit, die wohl oder übel un­überschaubar geworden ist. Das macht viele Menschen unsicher. Der Wunsch mancher, den Überblick zu behalten, ist daher nachvollziehbar. Man möchte gerne erkennen, was wahr und was der richtige Lebensweg ist. Die Sehnsucht, endlich einmal den Blick freizubekommen und gute Entscheidungen im Leben treffen zu können, treibt so einige um. – Nur, geht das? Ist das möglich? Oder handelt es sich hier um ein aussichtsloses Unterfangen? – Das sind Fragen, die die eine oder den anderen am Beginn eines neuen Jahres 2010 vermutlich noch stärker beschäftigen als sonst im Laufe des Jahres.
Nicht wenige Zeitgenossen reagieren angesichts dessen eher panisch. Sie sagen: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Ungeduldig nehmen sie ihr Schicksal in die Hand, füllen den Tag mit allen möglichen Aktivitäten, zeigen sich dabei gelegentlich hilflos. Die zweite Lesung des Sonntags aus dem ersten Korintherbrief erinnert beziehungsweise korrigiert in guter Weise, dass ein Leben in Glück, Zufriedenheit und Klarheit immer ein gemeinschaftliches Engagement voraussetzt. Niemand kann alles allein bewältigen. Der Apos­tel Paulus spricht bewusst im Bild vom einen Leib und den vielen Gliedern. Von niemandem wird die Rolle eines Einzelkämpfers verlangt. Alle sind eingeladen, miteinander zu handeln und einander zuzuarbeiten.
Im gemeinsamen Tun wächst das, was der Prophet Nehemia in der ersten Lesung als echte Freude bezeichnet: „Die Freude am Herrn ist unsere Stärke!“ (Neh 8,10) Das Erleben der Nähe Gottes im gemeinschaftlichen Tun macht stark.
Dadurch wird die Zeit gefüllt, intensiv erlebt, sodass es dann eine erfüllte Zeit ist. Anders formuliert: Die Zeit wird gefüllt, wenn ich sie vor allem von Gott, von seiner Gegenwart und Liebe, seiner Barmherzigkeit und Gnade (aus)füllen lasse. Im Evangelium sagt Jesus: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt!“ (Lk 4,21) Die Gunst der Stunde ist mit Christus gekommen. Jesus gibt zu verstehen, dass mit seinem Erscheinen in dieser Welt etwas völlig Neues begonnen hat. Dadurch ist auf unserer Welt nicht gleich alles anders geworden. Entwicklungen brauchen Zeit, kosten Energie.
Eines ist jedoch sicher: Es hängt nicht alles von uns ab. Wir dürfen uns auf das Wirken des Geistes Gottes einlassen. Jesus Christus würde hier erklärend hinzufügen: „Jetzt wisst ihr, was zu tun ist. Nutzt das Angebot meines Lebens, die Chance, so zu leben wie ich! Bei all euren Versuchen, die Zeit zu füllen … mit mir ist die Zeit schon erfüllt!“


22.05.2012
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