Gedanken zum Evangelium
Die Tür zu einem Leben in Fülle
Weil Gottes Liebe alle Grenzen sprengt, ist uns ein Leben in Fülle zugedacht.
von Richard Schleyer
Die Bildrede von Jesus als dem guten Hirten enthält außer dem Hirtenmotiv noch zwei Bildsymbole, die der Evangelist Johannes gern anwendet, um die Sendung Jesu zu charakterisieren. In das Bild vom Stall, den Schafen und der guten Weide eingeflochten sind zwei weitere Stichworte: Tür und Leben. Sie zählen auch zu den „Ich-bin-Worten“, mit denen Jesus gemäß Johannes beschreibt, mit welcher Funktion ihn der himmlische Vater in diese Welt gesandt hat, um die Menschen zurückzuführen zu ihrem himmlischen Ursprung: „Ich bin die Tür, wer durch mich eingeht, wird gerettet werden.“ „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (11,25). Oder: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (14,6).
Wer Jesus als dem guten Hirten folgt, der tritt mit ihm durch die Tür zum wahren Leben. Und bei diesem „wahren“ Leben denkt Johannes nicht an einen abstrakten Wahrheitsbegriff. Dieses wahre Leben meint auch mehr als bloßes Überleben. Jesus steigert im Vers 10 vielmehr den Lebensbegriff nochmals, setzt noch eines drauf: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“
Dieses „Leben in Fülle“ gilt es zu übersetzen. Das Bild von der Fülle, der materiellen Glückseligkeit im Genuss irdischer Güter verweist über sich hinaus. Das Leben, zu dem Jesus im Namen Gottes einlädt, das er verkörpert, sprengt alle irdischen Grenzen. Gottes Liebe lässt sich nicht durch irgendwelche Beschränkungen eindämmen. Im materiellen Alltag werden uns immer Grenzen gesetzt. Nicht alle erhalten von der Natur die gleichen Anlagen mit und nicht jeder kann sie gleich entfalten und nutzen. Nicht alle sind gleich talentiert und gesund. Manche erhalten früh schon so viele Dämpfer, dass sie nur noch mit eingezogenem Kopf durch das Leben gehen.
Scheinbare äußere Misserfolge können dazu verführen, auch innerlich zu resignieren. Die Versuchung ist groß, dass Menschen nichts mehr erwarten, sich in ihrem inneren Minderwertigkeitsgefühl einrichten und alle weiterreichenden Ansprüche abwehren. Diese Sünde der Selbstbeschränkung will Jesus mit dem Wort von dem Leben in Fülle aufbrechen. „Gott hat euch mehr zugedacht“, will er den Müden und Resignierten, den nur noch funktionierenden und eingeschränkt lebenstüchtigen Zeitgenossen zurufen. „Traut euch, mit mir neu aufzubrechen und euch in die Gemeinschaft führen zu lassen“. Leben in Fülle ist Leben in Gemeinschaft, mit Gott und untereinander.
Jesus lädt ein, der auch unsere Grenzen sprengenden Liebe Gottes zu trauen. Die zaubert Beschränkungen nicht weg, weitet aber unsere Sicht durch einen Vorblick in den Himmel. Indem wir unsere Möglichkeiten entdecken, lernen wir, unsere Grenzen einerseits anzunehmen und andererseits zu relativieren. Gottes Liebe wandelt unsere Grenzen, indem sie unser Herz weitet und uns mit uns selber und anderen barmherziger sein lässt. Das Leben in Fülle zieht dann in unser Herz ein, wenn Gottes Liebe den Neid daraus verdrängt. Der gute Hirte führt zusammen.







