Sozialethiker diskutierten über Stellenwert ihres Fachs in der Öffentlichkeit
Die Sprache der Leute sprechen
Dortmund. Als stillen Protest gründeten junge Wissenschaftler vor 20 Jahren das „Forum Sozialethik“. Einen Ort für ihre Debatten fanden sie in der Kommende, dem Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn. Zum Jubiläum blickten Gründer und junge Wissenschaftler nicht nur zurück. Sie diskutierten auch über den aktuellen Stellenwert der Sozialethik in der Öffentlichkeit.
von Matthias Nückel
„Das ist unser wunder Punkt“, räumt Professor Dr. Hans-Joachim Höhn (Köln) ein, als die Frage auftaucht, warum christliche Sozialethiker in der öffentlichen Debatte so wenig zu Wort kommen. „Der Vorwurf, dass die Sozialethik zu wenig zu hören ist kommt immer wieder“, stimmt Dr. Judith Wolf von der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ (Mülheim/Ruhr) zu. Die Gründe, warum dies so ist, sind vielschichtig. Dies macht die Podiumsdiskussion in der Kommende deutlich.
„Um gehört zu werden, braucht man Charisma und Durchhaltevermögen“, betont Höhn und fügt hinzu: „Wir brauchen noch so einen wie Friedhelm Hengsbach.“ Der Frankfurter Sozialethiker schafft es immer wieder, in der Öffentlichkeit – also den Medien – Aufmerksamkeit zu erreichen. Doch Höhn räumt selbstkritisch ein: „Unsere Generation hat es nicht geschafft, so präsent zu sein wie die Altvorderen.“
In den 50er-Jahren – als die Volksparteien noch Volksparteien waren – sei es einfacher gewesen, sich öffentlich zu äußern, gibt Prof. Dr. Marianne Heimbach-Steins (Münster) zu bedenken. Heute laufe mehr über „spezielle Kanäle“, um sozialethische Orientierung an Entscheidungsinstanzen zu bringen.
Auch wenn Talk-Shows nicht gerade das Ziel der Sozialethiker sind, so meint Detlef Herbers, stellvertretender Direktor der Kommende, dennoch: „Wir müssen lernen, uns in der modernen, pluralen Gesellschaft verständlich zu machen.“ Dazu gehört laut Heimbach-Steins auch, „eine Sprache zu sprechen, die auch Leute verstehen, die nicht in unserem Milieu zuhause sind“.
Einen wesentlichen Aspekt bringt Höhn ins Spiel: „Man hat in der Kirche noch nicht erkannt, dass man kampagnefähig sein muss.“ Die Kirche müsse ihre Texte auch unters Volk bringen. Es reiche nicht, eine Pressekonferenz zu veranstalten. Und: „Dogmatisch oder moralisch“ wolle heute jedoch keiner mehr hören.
Das „Forum Sozialethik“, zu dem sich in diesem Jahr die Rekordzahl von 43 jungen Wissenschaftlern angemeldet hatte, habe noch keine explizite Tagung zur Wirtschaftsethik gemacht, bemängelt Heimbach-Steins. Vielleicht war dies für die Organisatoren ein Anstoß, auch dieses aktuelle Thema aufzugreifen. Denn christliche Sozialethik ist auch heute noch gefragt. Heimbach-Steins: „Leute, die mit christlicher Sozialethik im Gepäck Politik machen wollen, sagen: wir hören Euch zu wenig!“
Hintergrund
Ausgeschlossen von den etablierten Kreisen der Professoren suchten junge Wissenschaftler der Katholischen Soziallehre und Christlichen Sozialwissenschaften vor 20 Jahren einen Ort zur Diskussion. Der damalige Leiter der Kommende, Reinhard Marx, „hatte eine Nase dafür, dass dies richtig war“ (Herbers), und stellte die Räume in der Kommende zur Verfügung. Zum ersten „Forum Sozialethik“ im September 1990 kamen 25 junge Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum. Am Anfang stand die „Selbstvergewisserung, wer sind wir eigentlich?“ (Heimbach-Steins). Dann folgten die inhaltlichen Auseinandersetzungen. In den letzten Jahren wurden sehr häufig Sozialstaatsthemen behandelt. Heute hat das Forum eine eigene Internetseite und eine Publikationsreihe. Es ist zudem zu einem Netzwerk zwischen den Lehrstühlen geworden. Während die Kommende immer noch den Ort stellt, organisieren die jungen Wissenschftler ihre Foren weiter in Eigenregie.







