Gedanken zum Evangelium
Die Sitzordnung im Reich Gottes
Im Evangelium vom 22. Sonntag im Jahreskreis geht es nicht um bürgerliche Anstandsregeln, sondern um das Maßnehmen an der Gesinnung und Haltung Jesu. Das verdeutlicht Pfarrer Heinz-Josef Löckmann in seinem Beitrag.
von Heinz-Josef Löckmann
1788 verfasste Adolph Franz Friedrich Freiherr von Knigge ein zweibändiges Werk, das seinen Verfasser bis heute nicht in Vergessenheit geraten lässt. „Über den Umgang mit Menschen.“ Nach landläufiger Meinung ist es ein Anstands- und Verhaltensbuch. Wie soll ich mich in der Gesellschaft bewegen? Welche Regeln muss ich beachten, damit ich mich nicht blamiere. Anstandsbücher haben Hochkonjunktur.
Wie es scheint, hat sich auch Jesus schon mit solchen Fragen befasst. Er beobachtet bei einem Gastmahl das Gerangel der geladenen Gäste um die besten Plätze und schärft ihnen daraufhin eine Regel ein: Besser ist es, sich einen niedrigeren Platz auszusuchen. Möglicherweise bittet der Gastgeber den Gast dann, weiter aufzurücken. Das Umgekehrte aber wäre peinlich. Das hört sich wie eine gute Anstandsregel an – aber erschöpft sich darin schon die volle Aussagekraft dieses Evangeliums, so darf man wohl fragen?
Spätestens die Anweisung Jesu im zweiten Teil des Evangeliums macht deutlich, dass es um mehr geht. Denn was Jesus da verlangt, sprengt den gutbürgerlichen Verhaltenskodex. Was mein Einladungsverhalten angeht, entspricht dem, was Jesus für abwegig erklärt: Auch ich lade meinesgleichen ein. „Arme, Krüppel, Lahme und Blinde“ aber lasse ich vor der Tür stehen. Im biblischen Sprachgebrauch sind damit allerdings nicht jene Behinderte gemeint, die wir heute in die Gesellschaft zu integrieren versuchen und die einzuladen deshalb auch kein Problem wäre. Bei der genannten Gruppe handelte es sich damals um die Menschen auf der untersten Stufe, den Parias der Gesellschaft. Heute würden wir wohl eher von Obdachlosen, Alkoholikern, Drogenabhängigen und Bettlern sprechen. Die kommen nicht in mein Haus hinein. Und das nimmt mir niemand übel.
Es kann Jesus also nicht einfach um bürgerliche Anstandsregeln gehen, die allgemein akzeptiert sind. Das Evangelium müssen wir vielmehr auf dem Hintergrund des Weges und des Wirkens Jesu Christi selbst sehen. Er, der in der Herrlichkeit seines Vaters wohnte und somit den besten aller Plätze einnahm, der sich denken lässt, genau er erniedrigt sich und wird Mensch. Ja, nicht nur das, er erniedrigt sich so sehr, dass er selbst zu denen gezählt wird, die wir in der Regel nicht einladen würden: zu den Schwerkriminellen nämlich, die mit der größten aller Strafen bestraft werden, dem Tod.
Das hat er getan, weil es dem Willen des Vaters entsprach. Er konnte es tun, weil Gottes Heiliger Geist in ihm wirkte und ihm die Kraft dazu gab. Dieser Geist sorgte auch dafür, dass Jesus nicht im Tode blieb. „Darum hat Gott ihn erhöht!“ schreibt der heilige Paulus, nachdem er im Philipperbrief zunächst von der Erniedrigung Jesu gesprochen hat, und meint damit die Auferstehung Christi und seine Himmelfahrt. Noch radikaler sieht der Evangelist Johannes bereits in der Erniedrigung des Kreuzestodes die Erhöhung Jesu. Der Ort seiner größten Schmach ist der Ort seines größten Ruhmes. Christliches Leben besteht in der Nachfolge Jesu, auch in der Nachfolge seines Weges nach unten, wie er in Menschwerdung und Kreuzigung sichtbar geworden ist. Das ist der tiefere Sinn dieses Evangeliums.
Wie Jesus selbst sollen wir uns nicht die besten und ehrenvollen Plätze aussuchen. Wie Jesus selbst sollen wir uns denen zuwenden, die am Rand der Gesellschaft stehen und unserer Hilfe bedürfen. Das ist wie bei Jesus nur möglich in der Kraft des Geistes Gottes und geht über das Maß menschlicher Anstandsregeln weit hinaus. Und doch ist es der Weg, den zu gehen sich letztlich lohnt, weil Jesus selbst ihn gegangen ist und er uns dadurch den Himmel geöffnet hat.






