Aktuelle Ausgabe
2012-20

Karmelit Körner meint: Jesus braucht Kleinbauern

Die Saat ist längst aufgegangen

Jesus spricht die Sprache der Kleinbauern, das verstehen selbst Städter, meint Karmelit Reinhard Körner.Foto: KNA

Solche Momente sind selten. Zumal beim Lesen von theologischen Texten. Auf einmal ist alles lebendig. Es ist, als redete und plauderte er leibhaftig. Jetzt. Genau in diesem Moment.

von Andreas Kaiser

Er, das ist Karmelitenpater Reinhard Körner. 58 Jahre alt, von eher kleinem Wuchs, dunkle Haare, der Bart graumeliert. Seine Stimme klingt meist ein wenig nach Moll. Und, wenn man genau hinhört, kann man die Reste eines ostdeutschen Dialekts raushören. Körner wurde in Finsterwalde geboren.
Seit Jahren schreibt der Ordensmann, der zugleich einer der gefragtesten Exerzitienleiter des Landes ist, Bücher. Mit stetig wachsendem Erfolg. Sein jüngster Wurf ist „Jesus braucht Kleinbauern“. Es ist der Nachfolger des fulminanten Erstlings „Jesus für Kleinbauern“, das 2008 erschienen nun schon in die dritte Auflage geht. In beiden Büchern geht Körner vor allem den ländlichen Gleichnissen auf den Grund. Denn Körner ist überzeugt: Gott ist nicht nur Mensch geworden. Nein: „Gott ist Kleinbauer geworden.“ Ein Tekton, so das griechische Wort für Josephs Beruf, also ein Bauhandwerker war Jesus eher nebenher. „Die Leute haben damals alles mögliche gemacht, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt Körner im Gespräch.
Zudem habe Jesus die Sprache des Volkes gesprochen. „Seine Gleichnisse waren verständlich. Ohne Deutung.“ Die Ungereimtheiten haben vor allem Städter in die Bibel gebracht, schreibt Körner verschmitzt. Erst Stadtmenschen hätten die Sache verkompliziert, missgedeutet oder schlicht falsch übersetzt. Einem Landmann wäre bei manchen Überlieferungen sofort aufgefallen, dass da etwas nicht stimmt. Etwa bei der Geschichte vom Samenkorn, das keine Frucht bringe, wenn es nicht zuvor stürbe. „Das Korn stirbt doch nicht. Es wächst, es wandelt seine Form“, lässt Körner seinen Freund Herrn S. im Buch erregt ausrufen. „Wenn die Saat verfault, dann wär’ nichts mehr mit Fruchtbringen.“ Tja, so ist das, wenn Städter reden, meint Körner, in diesem Fall Paulus im ersten Korintherbrief. Vom Ackerbau haben die keinen blassen Dunst.
Ähnlich wie Paulus seien auch die Evangelienschreiber Städter gewesen. „Die quirligen Handelszentren im griechischen Mittelmeerraum, das war ihre Welt. Nicht das einfache bodenständige Kleinbauernleben in Israel. Sie konnten gar nicht alles verstehen, was Jesus gesagt hat“, schreibt Körner. Vor allem nicht die Redewendungen der Kleinbauern damals. Wenn in der Bibel mal vom Handabhacken oder Augenausreißen die Rede ist, so sei das ebenso wenig wörtlich zu nehmen, als wenn jemand heute sage, er wolle eine Person auf den Mond schießen.
Vor allem an Matthäus reibt sich der Karmelit immer wieder. Mit seinen Hinzufügungen, etwa dem vielzitierten Hinauswurf „in die äußerste Finsternis“, habe er viele Christen in große Seelennot gebracht. Die Frohbotschaft wurde so gewollt oder ungewollt zur Drohbotschaft. So sei auch die Rede von der Hölle einzig auf ein Missverständnis zurückzuführen. Das griechische Wort Gehenna stamme vom hebräischen Ge Hinnom. Und dies war lediglich eine Talsenke bei Jerusalem, in der man damals den Müll verbrannt habe. Von ewiger Verdammnis könne keine Rede sein. „Das ist alles theologisch und fachexegetisch abgesichert“, sagt Körner.
Das Zentrum von Körners Arbeit ist Gottes bedingungslose Liebe zu uns Menschen. „Das Eigentliche geht oft verloren“, beklagt er. Viele Priester und Bischöfe sprächen heute eher über Kirche und Politik als über Gott. Die Kleinbauern sind für Körner ein Synonym. „Für Menschen, die vertrauen. Auf Gott und die Natur.“ Die anders als Städter, nicht immer sämtliche Probleme mit dem Kopf lösen wollen. Oder, um mit den Worten des heutigen Evangeliums zu sprechen: „Der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht wie.“
„Jesus unser Bruder braucht uns“, schreibt Körner. Kaum ein Theologe kann die Bibel so wunderbar, so geradeaus, so bodenständig und zum Teil auch fröhlich auslegen wie er. Und die beste Nachricht dabei lautet: Auch Körner spricht Klartext. Nie erhebt er den Zeigefinger. Er holt die Menschen wie sein großes Vorbild genau dort ab, wo sie gerade stehen. Mitten in ihrem Alltag.
Selbstinszenierung scheint dem Pater fremd. Gewöhnlich gibt er keine Interviews. Auch etwaige Lesungen umgeht er meist weiträumig. „Ich bin Mönch. Und ich verstehe mich auch so“, sagt er. Eine solche Haltung unterscheidet ihn von anderen geistlichen Lehrern, die sich gerne von der Öffentlichkeit hofieren lassen. Körner ist im Herzen Landmann geblieben. Trotz seines Doktortitels sagen ihm Freunde: „Du läufst wie ein Bauer. Du redest wie ein Bauer.“
Körners Eltern hatten einen Hof, den er übernehmen sollte. Doch er hat sich anders entschieden. „Es war mir ähnlich ergangen wie dem Petrus, dem Andreas und manchen anderen in der Bibel: Jesus hatte sie von ihrer gewohnten Arbeit weggerufen.“ Zwar sei es ihm um das Bauernleben schon ein wenig leid. Doch bereut habe er seinen Schritt, Theologie zu studieren und Ordensmann zu werden, nie. „Er faszinierte mich einfach dieser Jesus mit seinen Ansichten von Gott und vom Leben.“ Und genau in fast jeder Zeile von Körners Büchern zu spüren. Bei ihm ist die Saat des Kleinbauern Jesus längst aufgegangen. Und die Saat wächst.


22.05.2012
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