Aktuelle Ausgabe
2012-20

Mailand – Modestadt für Lebende und Tote

Die Reiche im Norden

„Mailand oder Madrid ist egal, Hauptsache Italien!“ So einfach wie Fußballstar Andreas Möller kann es sich der gemeine Tourist nicht machen. Entscheidet er sich aber für die Mode-Me-tropole, warten auf den Reisenden mehr als nur extravagante Hüte und gestresste Norditaliener. Prächtige Ruhe bietet beispielsweise Mailands Promi-Friedhof Cimitero Monumentale.

Text und Fotos:
Alexander Brüggemann (KNA)

Mailand ist für Reisende ein gutes Ziel – auch wenn es den Gast nicht gerade mit offenen Armen empfängt. Denn Mailand steht für sich, selbstbewusst und geschäftig. Der Tourismus läuft so nebenbei. Mit 1,3 Millionen Einwohnern die größte Stadt Norditaliens, ist Mailand die Stadt der Banken, des Fußballs, der großen Kunst und der Mode.

Mailand ist reich, immer gewesen. Doch hier zeigt man seinen Reichtum nicht so demonstrativ wie anderswo auf der Welt. Schlichte Eleganz prägt den leicht spröden Alltag der Geschäfts- und Finanzmetropole. Man trinkt seinen Espresso, ja, aber ein wenig rascher als anderswo. Man lässt sich Zeit, schon, aber ein bisschen weniger eben als in Rom oder Neapel.

Understatement, das ist Mailänder Art. Eine Ausnahme freilich bildet Mailands Wahrzeichen Nummer eins: „il duomo“, der gotische Dom. Hier steckt die Pracht vor allem im Äußeren. Im gigantischen Inneren ist die Mailänder Bischofskirche, mit 157 Metern Länge und 45 Metern Gewölbehöhe eine der größten der Welt, sinister und fast kafkaesk bedrückend. Und doch schlägt hier das Herz einer der traditionsreichsten Diözesen der Weltkirche; viele der Mailänder Kirchen lassen sich bis in die Antike zurückführen.

Von hier nahm Ende des 12. Jahrhunderts Rainald von Dassel, Kölner Erzbischof und Reichskanzler Kaiser Friedrich Barbarossas, die Reliquien der Heiligen Drei Könige als Kriegsbeute mit nach Hause. Doch Niederlagen wie diese hat Mailand stets weggesteckt – und sich einen solchen Dom errichtet. „Sie sagen, dass Mailands Kathedrale nur an zweiter Stelle nach dem Petersdom in Rom steht“, bemerkte der US-Schriftsteller Mark Twain 1867 beeindruckt. „Ich kann nicht verstehen, wie diese Kathedrale hinter irgendetwas anderem vom Menschen Gemachtem an zweiter Stelle stehen kann.“

Etwas von diesem Staunen aus der Neuen Welt hallt auch 150 Jahre später wider, wenn man an einem sonnigen Tag den Weg an der Außenwand zum Dach erklimmt. „Die Wahnvorstellung einer Eisskulptur, die mit einem Atemzug verschwinden könnte“, so beschrieb Mark Twain den surrealen Eindruck, den das Marmorkunstwerk auf den Betrachter macht. Zerbrechlich, weiß, fast unwirklich ragen sie überall auf: Hunderte Fialentürmchen in verspielter gotischer Formenvielfalt; Heiligenfiguren, in scheinbarem Dialog überall über die Dachterrasse verteilt. Doch zu keinem Zeitpunkt kommt der Verdacht auf, man sei gar schon einer von ihnen und der Himmel zum Greifen nahe. Denn erstens bleiben die Touristen immer in der Mehrheit – und zweitens ist der Blick über die Dächer der Stadt doch weit weniger himmlisch als in Rom oder Venedig.

Ein Blickfang an der Piazza del Duomo – und es gehört schon viel dazu, den Blick von der Fassade der Kathedrale ablenken zu können – ist die Galleria Vittorio Emmanuele II. Mit ihrem fast 200 Meter langen Hauptgang und ihrer fast 50 Meter hohen Glaskuppel war sie Ende des 19. Jahrhunderts die prächtigste Einkaufspassage Europas. Und wer wollte ihr diesen Rang ernstlich streitig machen? Wer seiner Frau angesichts eines solchen Angebots an Mode und Luxus nicht restlos vertraut, tut gut daran, die Kreditkarte vor dem Flanieren an sich zu nehmen.

Auch für weitere Attraktionen der lombardischen Metropole ist es nicht ganz leicht, an Karten zu kommen: für die Scala, eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt; für ein Heimspiel des AC oder von Inter; oder für den Zugang zu Leonardos Meisterwerk, dem „Letzten Abendmahl“ im Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie.

Doch zum Glück gibt es da noch ein anderes „Muss“ für Mailand-Besucher, tagesfüllend und umsonst: Im Nordosten des Großstadtgetöses, unweit der Großbaustelle an der Piazza Garibaldi, liegt der Cimitero Monumentale. Hier treffen sich die Reichen und die Schönen – wenn sie gestorben sind. Endlich Ruhe – und was für eine! Milano, Cimitero Monumentale: Das ist der prunkvollste, der prächtigste von allen Friedhöfen Italiens. 1866 wurde das 200000 Quadratmeter große Areal eingeweiht. Die einfachen Leute kamen dagegen ab 1895 auf dem Cimitero Maggiore zu liegen.

Es ist ein Friedhof der Superreichen, gestaltet von den besten Künstlern ihrer Zeit. Der Name „Monumentale“ ist Programm. Hier ist Schluss mit Understatement; im Tod wird alles nachgeholt. Griechische Tempel, ägyptische Pyramiden, bis zu 20 Meter hohe Obelisken prägen das Bild – vermeintliche Bollwerke gegen die Vergänglichkeit. Ein riesiger Christus, eine Sphinx und ein faschistischer Sämann stehen in direkter Nachbarschaft. Bullige Trutzburgen, glatte Glaspaläste, gigantische Katafalke und zarte Jugendstil-Gespinste: Ein jeder, ob Conti, Motta oder Pirelli, schielt bis heute auch auf das Nachbargrab, um den Nächsten wo möglich zu übertrumpfen.

Trübsal, Gram, fassungslose Lethargie, aber auch ekstatische Jenseitssehnsucht zeigen sich auf den Gesichtern der Statuen. Und überhaupt, die Körperhaltungen spiegeln die aufgewühlte Gefühlswelt der Zeit: hingeworfen über das Grab, verklärt himmelwärts strebend, haareraufend und gekrümmt vor Schmerz. So stark kehren sie ihre Emotionen nach außen, dass man fast Sorge hat, das ganze Pa-noptikum werde in klaren Vollmondnächten lebendig.

Am Ende wird sich nicht jeder auf dem Cimetero Monumentale mit seiner pompösen Grablege Freunde gemacht haben – denn, so wusste bereits der alte Mailänder Bischof, Kirchenvater und Hymnendichter Ambrosius (um 340-397): „Häufig haben Reiche keine Freunde; denn es gibt keine Freundschaft, wo falsche Schmeichelei herrscht.“


22.05.2012
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