Heiße Diskussionen um Kirche und Gesellschaft im Pastoralverbund Paderborn-West
Die Paderborner Turmgespräche
Paderborn. Seit zwei Jahren finden im Pastoralverbund Paderborn-West sogenannte „Turmgespräche“ statt. Viermal im Jahr wird leidenschaftlich aus christlicher Perspektive heraus über gesellschaftliche Fragen diskutiert.
von Richard Schleyer
„Wir merkten: Die Kirche steht in Gefahr, sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs zu verabschieden, sich zu stark um ihre inneren Angelegenheiten zu kümmern. Da wollten wir gegenhalten.“ So erläutert Arnold Drewer den Impuls, der hinter den Paderborner Turmgesprächen steht. Die Idee überkam Drewer und den Paderborner Dekanatsreferenten Markus Schmiegel beim Pfarrfest der St.-Georgs-Gemeinde am Biertisch. Uschi Schräer-Drewer nahm darauf- hin den noch unausgegorenen Plan in die Hand, telefonierte herum und stellte ein Vorbereitungsteam zusammen, allesamt Leute, die sich früher, von der Jugendarbeit her kannten. „Wir wollten mehr als ein geselliges Beisammensein. Das gibt es in unseren Gemeinden genug“, betont Uschi Schräer-Drewer. Aber auch nicht vom praktischen Alltag losgelöste akademische Diskussionen wollten sie anstoßen, wie Arnold Drewer ergänzt. Aus dem gesellschaftlichen und kirchlichen Alltag wollten sie für das christliche Handeln in der Welt relevante Themen finden und ins Gespräch bringen. Katharina Brechmann wiederum beschreibt ihre Perspektive so: „Wir feiern zusammen, beten miteinander in den Gemeinden; aber wie der andere in sozialen und gesellschaftlichen Fragen denkt, wissen wir nicht. Dabei hätten wir einander manches zu sagen.“ Deshalb findet sie es wichtig, die Kommunikation unter Christen zu stärken, wie es die „Turmgespräche“ beabsichtigen. Außerdem sollte „die kritische Mitte“ in den Pfarrgemeinden ein Sprachrohr erhalten.
Das erste Thema war denn auch, da alle sieben dieser Vorbereitungsgruppe der öko-bewegten Generation angehören, „Verantwortung für die Schöpfung“. Diskutiert wurde aber auch das alltägliche Umweltbewusstsein und wie sich nachhaltiges Wirtschaften im Haushalt auswirkt. Aber auch was sie von ihren Pfarrgemeinden erwarten, wie die im größeren Pastoralverbund noch Heimat bieten und Menschen vernetzten können, stand schon zur Debatte. Über die Krise des Kapitalmarktes und mögliche Auswirkungen bis in die Familienhaushalte hinein informiert das nächste „Turmgespräch“. Dann soll es auch an einem nichtkirchlichen Ort, nämlich in einer Bank stattfinden. Das Turmzimmer, in dem die Gespräche eigentlich geplant waren, ist derzeit wegen Renovierungsarbeiten nicht zugänglich. Zu den ersten Gesprächen wurde in verschiedene Gemeinderäume im Pastoralverbund eingeladen. Zwischenzeitlich hat das Team nun den Plan entwickelt, den Ort je nach dem Thema auszusuchen.
Meist trifft sich das Vorbereitungsteam zweimal für jedes Turmgespräch, einmal zum Planen und dann zur Nachbereitung. Und jedes Thema wird zuvor im kleinen Kreis ausgiebig durchdiskutiert. Anfangs legten sie im Team sogar fest, wer welche These ins Gespräch bringen kann, damit das nicht abreißt. Doch die Sorge erwies sich als überflüssig. Die mal nur 15, mal auch über 40 Teilnehmer erwiesen sich als überaus diskutierfreudig. Nur hat das Vorbereitungsteam inzwischen erkannt, dass jemand die Moderation in die Hand nehmen muss, damit nicht einzelne das Gespräch dominieren. Am Anfang eines jeden Turmgespräches steht immer das halbstündige Referat eines Fachmanns, bevor das allgemeine Gespräch beginnt. Das entwickle sich dann oft derart intensiv, dass manche auch sehr persönlich von sich selber erzählen, wie Katharina Brechmann sich erinnert. „Jedoch ist keineswegs beabsichtigt, aus den Turmgesprächen eine Selbsterfahrungsgruppe werden zu lassen!“, betont Uschi Schräer-Drewer. Der Austausch von Argumenten soll im Mittelpunkt stehen.






