Martha Bispo kämpft für Chancengleichheit im brasilianischen Maranhão
Der steinige Weg zu mehr schwarzem Selbstbewusstsein
„Ihr werdet meine Zeugen sein“, lautet das Thema der Adveniat-Aktion 2010. Im Mittelpunkt steht das Engagement der Laien in Kirche und Gesellschaft Lateinamerikas. Überall in Lateinamerika übernehmen Frauen und Männer ehrenamtlich pastorale und soziale Aufgaben in der Gemeinde. Der DOM stellt beispielhaft die Arbeit einer engagierten Frau vor.
Text: Sandra Weiss
Fotos: Jürgen Escher
Mit 14 war Joana d’Arc Cardoso zum ersten Mal schwanger. Das zierliche schwarze Mädchen arbeitete als Hausangestellte bei einer bürgerlichen Familie und wurde vom Sohn des Hausherren vergewaltigt – und anschließend entlassen.
Jetzt ist sie 26, arbeitslos, ohne Schulabschluss und hat acht Kinder. Die jüngsten sind Drillinge und gerade einmal sechs Monate alt. Im Hinterzimmer ihres ärmlichen Elternhauses in der Favela João de Deus im Nordosten Brasiliens lebt sie mit ihrem Nachwuchs. Gerade einmal eine Kommode, eine Hängematte und ein Doppelbett passen in das enge, stickige, moskitoverseuchte Zimmer. Die Toilette besteht aus einem stinkenden Loch ein paar Meter neben der Hütte im Dickicht.
Joanas Verlobter zahlt keinen Unterhalt, er taucht nur ab und zu auf, und meistens ist Joana danach wieder schwanger. Dann bekommt sie vom Staat ein paar Monate lang Muttergeld und gratis Gesundheitsfürsorge. Zur Familie gehören sonst noch die beiden pensionierten Eltern, die mit ihrer mageren Rente das Haupteinkommen liefern, und mehrere Brüder, von denen nur einer arbeitet.
Eine zerrüttete Familie wie so viele in den Favelas des Bundesstaates Maranhão. Wenn man Joana fragt, warum sie ihrem Verlobten nicht längst den Laufpass gegeben hat, schaut sie nur verlegen auf den Boden. Martha Bispo, engagierte Laien-Mitarbeiterin, kennt derartige Verhältnisse nur zu gut, aber sie bringen sie noch immer in Rage. „Die Sklaverei wurde in Brasilien zwar 1889 abgeschafft, aber die Mentalität besteht noch immer fort.“ São Luis, die Hauptstadt von Maranhão, war während der portugiesischen Kolonialzeit einer der wichtigsten Häfen für die Sklavenschiffe aus Afrika.
Noch heute sind 77 Prozent der Bevölkerung dunkelhäutig – und die Medien, die Politik, die Justiz und die Unternehmen in der Hand einer kleinen, hellhäutigen Oberschicht. Der nordbrasilianische Bundesstaat an der Grenze zum Amazonas-Urwald gilt als einer der rückständigsten in Brasilien mit der zweithöchsten Armutsrate.
„Schwarz zu sein ist gleichbedeutend mit Armut und miserabler Bildung“, sagt Martha, die selbst einen farbigen Vater hat. Auch ihr wurde als Kind beschieden, sie solle sich keine Hoffnungen auf ein Studium machen, das sei den Weißen vorbehalten. Bis heute werden in Maranhão die vom damaligen Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva eingeführten Quoten für schwarze Studenten nicht respektiert, weil die lokalen Politiker immer neue Ausreden finden. „Der Minderwertigkeitskomplex wird dir von klein auf eingepflanzt, oft sogar von den eigenen Eltern“, sagt die 50-Jährige. Doch Martha ließ sich nicht entmutigen, verließ als 13-Jährige ihre Familie, um in der Landeshauptstadt São Luis eine weiterführende Schule zu besuchen, wurde Lehrerin, arbeitete nebenher ehrenamtlich für die Landpastoral und in der Laienausbildung und konnte schließlich dank eines Adveniat-Stipendiums auf dem zweiten Bildungsweg doch noch Theologie studieren.
Immer setzte sie ihre Kenntnisse ein für die Ärmsten. Wäre die Favela João de Deus nicht nach dem Papstbesuch benannt, sie könnte genauso gut ihren Namen tragen. Von Anfang an war Martha dabei und unterstützte die Landbesetzer. Wenn die berittene Polizei die armseligen Hütten wieder einmal räumen wollte, stellte sich Martha ihnen entgegen. Sie erstritt Strom und Wasser, dass die Hauptstraße geteert und eine Busverbindung eingerichtet wurde. Sie unterstützte die Anwohner bei der selbstständigen Organisation einer Kinderkrippe und einer Grundschule, und sie war führend beim Bau der Kirche. Das Material konnte dank Tombolas und Spenden gekauft werden, ein befreundeter Architekt entwarf gratis die Pläne, die Gemeindemitglieder arbeiteten freiwillig als Maurer. Bis heute ist Martha ihrer Gemeinde verbunden, einmal wöchentlich hält die pensionierte Lehrerin dort abends eine Bibelstunde.
Doch im gleichen Rhythmus, wie die Infrastruktur besser wurde, wuchs die Favela. Mehr als 30000 Menschen leben heute hier; die Neuankömmlinge wie Joana und ihre Familie interessieren sich wenig für das Gemeindeleben. „Die Jugendlichen aus der Favela stehen vor verschlossenen Türen, es gibt für sie keine Perspektive des sozialen Aufstiegs, da ist der Drogenhandel eine große Verlockung“, seufzt Erisvão Loureiro, der in der Favela aufgewachsen ist und schon als kleiner Junge in Marthas Jugendgruppe ging. Besonders verführerisch ist das schnelle Geld, wenn zuhause keine stützende Familie existiert oder Gewalt und Alkoholismus den Alltag prägen.
Deswegen war Martha sofort mit dabei, als der Pfarrer einer Nachbargemeinde 1987 ein Projekt für Straßenkinder begann. Heute werden mehr als 200 an den Rand gedrängte Kinder nachmittags in dem Jugendzentrum von Vila Embratel betreut. Sie machen dort Hausaufgaben, spielen Fußball oder tanzen Capoeira, den als Tanz getarnten Kampfsport der Sklaven. Doch es geht nicht nur darum, dass die Kinder „weg sind von den Gefahren der Straße“, sagt Martha, „sondern auch darum, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, mündige Bürger aus ihnen zu machen.“
Daher leuchten Marthas
kaffebraunen Augen, wenn die 14-jährige Thais in ihrer Gegenwart Capoeira definiert als „Kultur, die wir Schwarzen Brasilien geschenkt haben.“ „Es ist ein steiniger, langer Weg, aber wir sind schon vorangekommen“, resümiert Martha.







