Aktuelle Ausgabe
2012-20

Die Oberlausitzer verehren Alojs Andritzki als Märtyrer

Der selige Sorbe

Als „Märtyrer des sorbischen Volkes“ wird der sorbischstämmige Alojs Andritzki seit langem besonders bei Deutschlands einziger slawischer Minderheit verehrt. Auch Papst Benedikt XVI. erkannte den vom NS-Regime ermordeten Priester als Glaubensvorbild an: Am 13. Juni, dem Pfingstmontag, wird er in Dresden seliggesprochen.

Text und Fotos: Markus Nowak (KNA) 

Die Glasmalerei auf einem Fenster in der Kirche Maria Rosenkranzkönigin in Radibor in der Oberlausitz zeigt einen jungen, gut aussehenden Geistlichen mit einer fünfstelligen Zahl auf der Brust: 27829. Es ist die Häftlingsnummer von Alojs Andritzki, Insasse im KZ Dachau. Am 3. Februar 1943 wurde er als 29-jähriger Priester in dem NS-Lager ermordet. Die Glasmalerei in Andritzkis Heimatkirche und weitere Stätten der Erinnerung an den kirchlichen Widerständler gegen den Nationalsozialismus werden nun in seiner sächsischen Heimat zu Orten der Verehrung des einzigen obersorbischen Seligen.

Schon früh, zu Ostern 1946, enthüllten sorbische Studenten an der Friedhofskapelle in Andritzkis Heimatstadt Radibor eine Gedenktafel. „Na cesc kaplana Alojsa Andrickeho“ steht darauf in sorbischer Sprache: „Kaplan Alojs Andritzki zur Ehre“. Zeit seines Lebens war er als lebensfroher und unkonventioneller Priester bekannt, der einen engen Kontakt zu Jugendlichen pflegte. Gleichzeitig galt er als Gegner der Nationalsozialisten; wegen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ verurteilte ihn ein Sondergericht in Dresden 1941 zu sechs Monaten Haft. Später dann wurde er in das KZ Dachau gebracht, wo er 1943 aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Wärter mit der Giftspritze ermordet wurde. 

Andritzki wurde nicht auf dem Friedhof seiner Heimatstadt begraben, sondern zunächst auf dem Alten Katholischen Friedhof in Dresden beigesetzt. Erst im Februar 2011 wurde seine Urne und die Urnen der ebenfalls in Dachau umgekommenen Priester Aloys Scholze (1893-1942) und Bernhard Wensch (1908-1942) in die Kathedrale an der Elbe feierlich übertragen. Über 2000 Menschen – darunter zahlreiche Sorben – wohnten dieser großen Prozession durch die sächsische Metropole bei. In der Kathe-drale der Elbstadt wurde selten so viel obersorbisch gebetet, geflüstert und gesungen wie bei dem Gottesdienst im Frühjahr dieses Jahres.

„Die Seligsprechung ist für die Sorben ein Glücksfall“, sagt Dietrich Scholze, Direktor des Sorbischen Instituts in Bautzen. Viele Menschen werden auf diese Weise erst konfrontiert mit der Existenz einer slawischen Minderheit in Deutschland, glaubt Scholze. Dabei seien die 60000 Sorben „eine Minderheit, die auf verschiedenen Gebieten Anerkennung verdient, so auch auf religiösem“.

In Radibor dominiert – wie in weiten Teilen der Oberlausitz – der katholische Glaube. „Niech kraluje Khrystus!“, zu Deutsch: „Christus möge walten“, steht in sorbischer Sprache auf einem der zahlreichen Kreuze, die an den Straßen oder in Gärten in dem 700 Einwohner zählenden Ort stehen. Alle jene religiösen Symbole stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als die Dörfer in der Oberlausitz fast ausschließlich sorbisch und damit katholisch waren.

In diese Zeit und in ein streng katholisches Umfeld wurde auch Alojs Andritzki hineingeboren, dessen drei Brüder ebenfalls Geistliche wurden. Nur drei Tage nach seiner Geburt wurde er am 5. Juli 1914 in der Radiborer Kirche getauft, dort war er auch Ministrant und sang in der Schola. Fünf Tage nach Kriegsbeginn 1939 feierte er in dem neuromanischen Gotteshaus seine Primiz. In jener Kirche erinnern nun die Andritzki-Glasmalerei und ein schlichter Seitenaltar mit einem Holzkreuz und Stacheldraht an den berühmten und bald seligen Sohn der Stadt.

Straßen wurden in DDR-Zeiten öfter nach Antifaschisten bezeichnet, Andritzki-Straßen entstanden aber spät: Erst in den 1980er Jahren wurde eine „Droha Alojsa Andrickeho“ (Alojs-Andritzki-Straße) im benachbarten Bautzen, wo Andritzki an einer sorbischen Schule das Abitur machte, und in Dresden, wo er an der Hofkirche seine erste und einzige Kaplanstelle erhielt, benannt. Für das DDR-Regime sei es problematisch gewesen, ein öffentliches Gedenken für den katholischen Priester zu erlauben oder ihn gar für eigene Propagandazwecke einzuspannen, glaubt der Radiborer Pfarrer Stephan Delan (54). „Der Spagat wurde geschafft, indem verschiedene Eigenschaften von ihm verschwiegen wurden, also etwa die ganze religiöse Flanke“, sagt Delan.

Doch gerade aus seinem Glauben kam Andritzkis Widerstand gegen die Nazis. „Weil das Menschenbild nicht gestimmt hat“, so formuliert es Delan. Die Briefe aus der Lagerhaft belegen das, als er etwa im November 1942 an seinen Bruder Johann schreibt: „Man kann es sich nicht oft genug sagen, dass man an der Stelle, an der man sich im Augenblick befindet, von Gott berufen ist und darum dort seine Kräfte ganz einsetzt, seine Pflicht aufopferungsvoll erfüllt, und so tatsächlich am vernünftigsten handelt, auch wenn es einem nicht vernünftig erscheint.“

Joachim Nawka hatte Alojs Andritzki als Schulfreund. Er sei als „Junge ganz normal“ gewesen und trotzdem ein Vorbild. Die beiden saßen zusammen in einer Klasse, wohnten im gleichen Haus, spielten gemeinsam Fußball und begannen zusammen das Theologiestudium in Paderborn. Für Nawka steht fest: „Heilig wird man nicht in der Jugend, sondern erst mit seinem Leben.“ Und das habe sein Freund Andritzki gerade mit seinem Märtyrertod gezeigt.


22.05.2012
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