Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Der Skandal von Jericho

Msgr. Alois Schröder ist Pastor am Hohen Dom zu Paderborn.

Die Sorge um das Wohl und Wehe des einzelnen Menschen muss im Handeln der Kirche Priorität behalten. Darin sieht Dompastor Alois Schröder die Forderung aus dem heutigen Evangelium. 

von Alois Schröder 

Jesus in Jericho! Auf dem Weg nach Jerusalem macht er dort einen Abstecher. Viele wollen ihn, den Wanderprediger und Wundertäter, aus der Nähe kennenlernen. Auch die Honoratioren der Stadt werden zur Stelle sein, um ihn offiziell zu begrüßen. Doch aus dem großen Empfang sollte nichts werden. Denn Jesus hat einen anderen Plan. Sein Augenmerk gilt einzig und allein dem Zachäus. Ausgerechnet ihm, der als Oberzöllner im Dienst der römischen Besatzungsmacht steht und mit Sicherheit auch kräftig in seine eigene Tasche wirtschaftet. Wen wundert’s, wenn er nicht sonderlich beliebt ist! Der Skandal ist perfekt: Jesus lädt sich selbst bei diesem Menschen ein: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ Die Menge fühlt sich brüskiert und reagiert mit Empörung: „Bei einem Sünder ist er eingekehrt.“ 

Ja, das Verhalten Jesu ist ein handfester Skandal, ein öffentliches Ärgernis; ein deutlicher Affront gegenüber den vielen anderen. Bei ihnen hat er gewiss jegliche Sympathie verspielt. Werden sie verstehen, warum er so handelt? Aus seinem Mund klingt das so: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ So bringt Jesus auf den Punkt, was für ihn immer Vorrang hat: Es ist der Mensch in seiner Sehnsucht nach Heil und Erlösung von allem „Bösen“. Und für ihn ist Zachäus ein solcher Mensch. Seine und aller Menschen Rettung ist und bleibt das Ziel Jesu. Dazu ist er Mensch geworden. Dafür wird er sich am Ende seines Lebens wortwörtlich aufs Kreuz legen lassen.

Jesus in Jericho – bei Zachäus zu Gast. Ein beredtes Beispiel für seine Entschiedenheit, unbeirrt zu suchen und zu retten, was verloren ist. Deshalb riskiert er Unverständnis und Ablehnung durch die vielen anderen. Es geht ihm um Zachäus, um seine Bekehrung und sein Heil. Und das duldet keinen Aufschub, keine Verzögerung. Eile ist geboten. So lesen wir zweimal das Wort „schnell“ und zweimal „heute“. Durch die Begegnung mit Jesus wird Zachäus „geheilt“. Das verändert sein weiteres Leben. 

Prioritäten setzen und Kernaufgaben definieren, das ist auch heute das Gebot der Stunde für alle, die in unseren Gemeinden und Gemeinschaften Verantwortung tragen.  Dabei darf nie der Blick für den einzelnen Menschen in seiner konkreten, vor allem besonderen Lebenssituation verloren gehen! Auch angesichts der Tatsache nicht, dass immer weniger Personal immer mehr Aufgaben in der kirchlichen und pastoralen Arbeit zu bewältigen hat. Die Not, nicht immer die Einsicht in die Notwendigkeit zwingt dazu, die richtigen Prioritäten zu setzen. An der Entscheidung für bestimmte Prioritäten aber scheiden sich oftmals die Geister. Das findet auch heute nicht immer den Beifall der Menge.

Es ist ratsam, wenn nicht gar zwingend, sich am Handeln und Verhalten Jesu zu orientieren. Etwa so: Der einzelne Mensch hat immer Vorrang, zumal wenn er „arm“ dran ist und Hilfe braucht. Im Hier und Heute tun wir entschieden und nachhaltig das, was dem Heil des einzelnen an Leib und Seele dient. Kirchliches und persönliches Handeln versteht sich durchgängig als diakonischer Dienst. Wir gehen auch ungewohnte und „anstößige“ Wege, um Menschen zu erreichen und sie für Jesus zu gewinnen. Ja, wir gehen Menschen nach wie der gute Hirt dem verlorenen Schaf. Und dabei vergessen wir nicht, dass auch wir des Heiles und der Erlösung durch Jesus bedürfen. Er kehrt bei jedem ein, der ihn einlässt, nicht nur bei dem Zöllner Zachäus.

 

 


21.05.2012
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