Gedanken zum Evangelium
Der Sehnsucht der Sterne vertrauen
Die Erzählung vom Bundesschluss Gottes mit Abram ist die Geschichte einer neuen Hoffnung. Sie wiederholt sich im Leben derer, die sich vertrauend auf Gott einlassen. Das schildert Michaela Labudda anhand des Schicksals einer Familie aus Ruanda.
von Michaela Labudda
„Blut! Alles voll Blut. Schwester, Tante. Alles ...“ In schlechtem Deutsch versucht die Frau, ihre Erlebnisse in Ruanda in Worte zu fassen. Die Teilnehmerinnen der Gruppe waren aufgefordert, ihren Lebensweg anzuschauen, auf einem Weg aus Tüchern Lichter zu entzünden für Punkte, an denen sie Gott begegnen durften. Ihre Erzählung vom Fehlen Gottes in ihrer Lebenserfahrung versucht sie mit roten Tüchern auf dem Weg darzustellen. Die anderen Teilnehmerinnen verstehen nicht sofort, aber sie schweigen. Eine tiefe Emotionalität erfüllt den Raum. Entsetzen wird geteilt. Was diese Frau erlebt hat, sprengt sowieso schon alle Worte und Gedanken, nur ahnen kann man ihre Erfahrungen mit dem Völkermord, dem Mord an ihren Verwandten durch vermeintliche Freunde und Nachbarn. Wie schwer mag es ihr fallen, nun diese Erinnerungen in einer fremden Sprache darzustellen, vor Menschen, die keine Vorstellung von ihrem Land, ihrer Heimat haben ...
Ich habe die Familie im Rahmen der Erstkommunionvorbereitung kennengelernt. Das Trauma ihrer Erlebnisse würden sie wohl nie verlieren. Aber nun waren sie in Deutschland angekommen, versuchten einen neuen Anfang, voll neuer Hoffnungen und Träume, wenn nicht für sich, so doch für ihre Kinder. Ein Kind wurde schon in Deutschland geboren, für sie ein sichtbares Zeichen des neuen Lebens. Sie nannten das Kind „Bienvenue“ („Willkommen“, wörtlich übersetzt „gute Ankunft“) – ein Name als Programm.
Die Familie, von der ich hier schreibe, würde Abram in der heutigen Lesung gut verstehen. Auch er war aufgebrochen, einer Verheißung folgend, die ihm gutes, besseres Leben versprach. Ein Land sollte er finden, in dem „Milch und Honig fließen“. Nach langer Reise durch die Wüste aber landet er eher im sozialen Nichts: ihm und seiner Frau Sara bleiben die Kinder verwehrt, die ihnen Zukunft verheißen könnten. Für die Menschen ihrer Zeit war klar: Dieses Paar ist nicht von Gott geliebt und begleitet, er wendet sich sogar von ihnen ab, indem er sie unfruchtbar lässt. Medizinische Erklärungen waren zur biblischen Zeit natürlich noch nicht verfügbar.
Und jetzt, wo beide die ersten Anzeichen des Alters spüren, sind sie kurz davor, ihre Hoffnung zu verlieren. Doch beim Anblick der Sterne spürt Abram seine Sehnsucht neu, und er kommt Gott nah. „Sieh zum Himmel hinauf und zähl die Sterne!“ So beginnt Gott seine neue Verheißung, Abram viele Nachkommen zu schenken. Abram glaubt neu an seine Zukunft und Gott besiegelt seinen Bund nach orientalischer Tradition. Die Geschichte geht weiter bis in die heutige Zeit, Abram wird als Urvater von Juden, Christen und Moslems verehrt.
Zum Glück kenne ich sie nicht, diese tiefe Hoffnungslosigkeit. Aber auch meine Durchhänger und mein oft zu kleines Zutrauen in die Begleitung Gottes finde ich in diesem Text wieder. Auch mein Leben strahlt oft eben nicht die Zuversicht des Glaubens aus, die Stärke meines Gottvertrauens, sondern Angst und Sorge, Kleinglaube und das alltägliche Einerlei, das mich schon mal lähmt. Wider alle Hoffnungslosigkeit zu glauben, das können wir aus den Erfahrungen der Abram- Erzählung lernen; Gott zu vertrauen, dass er uns Zukunft verheißt, in welcher Lebenssituation auch immer wir stehen. Von dieser Hoffnung zu berichten, ihr Worte zu geben, ein Grundvertrauen in Gottes Begleitung zu haben, auch für unsere Kinder und die nachfolgenden Generationen, das ist die Aufgabe des Hier und Jetzt.

- Sie sind wie Abram aufgebrochen in ein fremdes Land: Flüchtlinge in Ruanda. Foto: KNA







