Der Erstkommunionunterricht steht vor neuen Herausforderungen
Der Schatz des Glaubens

Für viele Kinder ist der Erstkommunionunterricht mittlerweile der erste Berührungspunkt mit Glaubensfragen. Deshalb sieht Matthias Micheel, Leiter der Diaspora-Kinder- und Jugendhilfe im Bonifatiuswerk die künftigen Hauptaufgaben des Erstkommunionunterrichtes in der Erstverkündigung für die Kinder und in einer durchdachten Glaubensweitergabe an die Eltern.
von Alfred Herrmann
(Text und Fotos)
„Der Schatz ist die Kommunion.“ Die neunjährige Neele blickt nachdenklich auf die reichlich verzierte, rosafarbene Schachtel vor ihr auf dem Tisch. „Weil Gott damit zu tun hat, und der ist auch irgendwie ein besonderer Schatz“, sagt Isabelle mit zaghafter Stimme. „Ja, der vergibt uns auch immer, wenn wir etwas falsch gemacht haben. Wir glauben an Gott, er ist sozusagen unser Vater“, springt ihr Luka zur Seite.
Rosa, blau, orange, gelb, beklebt mit Bildern, Perlen, Kränzen – sie sind wie kleine Schätze, die Kisten der acht Kommunionkinder, die sich im Pfarrheim der Pfarrei St. Vitus in Olfen im Bistum Münster versammelt haben. Ihre Vorbereitung steht unter dem Thema „Komm geh mit. Wir finden den Schatz!“ Es ist das Motto der diesjährigen Erstkommunionaktion des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken. Jedes Jahr gibt das deutsche Diasporahilfswerk allen Gemeinden bundesweit Vorschläge für ihre Erstkommunionvorbereitung an die Hand.
Fragt man die Kinder, warum sie zur Erstkommunion gehen, antworten sie: „Weil ich katholisch bin“ oder „Weil wir getauft worden sind“. Tom kommt zur Vorbereitungsstunde, „weil man Gott und Jesus näher kennenlernt – und halt so Dinge, die was damit zu tun haben“. Dann holt er einen kleinen Rosenkranz aus seiner blauen Schatztruhe. Ihn habe er von seiner Mutter bekommen.
„Für viele Kinder ist der Erstkommunionunterricht der erste Berührungspunkt mit Glaubensfragen“, benennt Adelheid Kortmann-Walterbusch eine der Herausforderungen heutiger Sakramentenvorbereitung. Sie gehört zum Erstkommunionausschuss der Pfarrei, der sich jedes Jahr um die Organisation der Katechese kümmert. 71 Kinder führt das siebenköpfige Team in diesem Jahr zum Tisch des Herrn. Die Kinder bringen dabei oft nur noch wenig religiöses Wissen mit, berichten die Ausschussmitglieder.
Die Hinführung zum Sakrament gestalte sich dadurch deutlich schwieriger als noch vor zehn Jahren. „Heute geht es im Unterricht mehr um erste Glaubenserfahrungen, als um tiefe Glaubensinhalte“, sagt Maria Sanning.
Dabei sollen die selbstgebastelten Schatzkisten helfen. Neele und Elena holen stolz einen Kompass, einen weißen Stein mit der Aufschrift „Schuldstein“, ein Gebetbildchen, eine Schriftrolle mit der Goldenen Regel hervor. Auch ein Säckchen, ein Foto der Vorbereitungsgruppe und eine Scherbe gehören zum Schatz. „Wir haben auf einen Tontopf ,Freundschaft’ geschrieben und ihn mit einem Hammer zerhauen. Dann hat jeder eine Scherbe bekommen“, erzählt Hannah ein Erlebnis aus einer Vorbereitungsstunde. „Da konnten wir sehen, wie schnell Freundschaft wieder zerbrechen kann“, erklärt Tanja. „Die Glaubenserfahrungen haben prägende Wirkung“, hat die Katechetin Maria Sanning festgestellt. „Die Kinder saugen Meditationselemente in sich auf wie ein Schwamm, weil sie das aus dem familiären Umfeld meist nicht kennen“.
Seit 20 Jahren engagiert sich die Katechetin ehrenamtlich im Erstkommunionausschuss in Olfen. Die stärkste Veränderung zeigt sich für sie bei den Eltern der Kinder. „Wir haben zunehmend Schwierigkeiten geeignete Katecheten zu finden, die die Kinder bis zur Erstkommunion begleiten“, betont Sanning. Längst nicht mehr brächten die Eltern die katholische Sozialisation mit, auf die man sich noch vor 15 Jahren habe verlassen können. Das hat auch Auswirkungen auf die Kinder. Bei der Mehrheit fehle zu Hause die religiöse Praxis. „Für uns als Erstkommunionausschuss“, meint Gilbert Grieger, „stellt sich deshalb die Frage, inwieweit wir noch mehr Elternarbeit machen, sprich einen eigenen Glaubensunterricht für Eltern anbieten müssen.“
„Wir treffen auf eine ganz neue Form von Diaspora“, beschreibt Matthias Micheel, Leiter der Diaspora-Kinder- und Jugendhilfe im Bonifatiuswerk, die veränderte Situation. „Inmitten der katholischen Gemeinden befinden sich jene mittlerweile in der Minderheit, die über eine tiefe Glaubens- und Kirchenprägung verfügen.“
Mehr als 80 Prozent der Kommunionkinder erlebten zu Hause keine christliche Prägung mehr. „In der Erstkommunionvorbereitung stehen Kirchengemeinden deshalb vor neuen Herausforderungen“, ruft Micheel engagierte Hauptberufliche und Ehrenamtliche zu einem kritischen Nachdenken auf.
Die künftigen Hauptaufgaben des Erstkommunionunterrichtes sieht er in der Erstverkündigung für die Kinder und in einer durchdachten Glaubensweitergabe an die Eltern. Als drittes lädt er die Kirchengemeinden dazu ein, eine neue Sprachfähigkeit im Glauben zu finden, um den eigenen Glauben auch lebensnah vermitteln zu können. „Auch wir können uns aufmachen, den Schatz unseres Glaubens neu zu entdecken“, erklärt der Theologe.
Die Gemeinde in Olfen ist dabei, neue Wege zu beschreiten. Rund ein Drittel der Eltern helfen als Katecheten mit. Sie treffen sich alle zwei Wochen um die Gruppenstunden zu besprechen. „Neben Technischem kommen wir immer wieder auch auf Glaubensfragen zu sprechen“, erklärt Lisa Prott-Elbers. Die restlichen Eltern zu erreichen gestalte sich schwieriger. Und doch, vor allem bei Tagesaktionen mit den Kindern, ließen sich Eltern einbinden und für Glaubensfragen ansprechen. „Der erste Weg geht über die Kinder“, betont Gilbert Grieger. „Es kommt immer darauf an, wie die Kinder die Glaubensthemen vermittelt bekommen, dann können sie ihre Eltern zu Hause dazu befragen.“
Dass Kinder und Eltern nach der Kommunion der Gemeinde die Treue halten, davon dürfe man nicht mehr ausgehen, egal wie der Unterricht vorher gestaltet wurde: „Wir können es nur machen wie der Sämann im Gleichnis“, hofft Grieger auf längerfristigen Erfolg. „Der Erstkommunionunterricht kann ein guter Einstieg in den Glauben sein. Wann diese Saat jedoch aufgeht, wissen wir nicht und werden es wahrscheinlich auch niemals mitbekommen.“

- Neele Schrader und Elena Ganz zeigen eine Schatzkarte. Gemeinsam mit den anderen Kindern der Gruppe hüten sie ihren ganz individuellen Schatz.






