Firmung auf Bora Bora, der „Insel unter dem Wind“
Der Geist weht, wo er will
Vaitape. Französisch-Polynesien ist ein französisches Übersee-Territorium im Pazifischen Ozean. Die insgesamt 118 Inseln in 5 Archipelen erstrecken sich über eine Fläche von der Größe ganz Westeuropas. Seelsorglich betreut wird das Riesengebiet von nur rund 25 Geistlichen. Auf Bora Bora, einem der bekanntesten Ferienparadiese der Südsee, hat sich hoher Besuch angesagt: Erzbischof Hubert Coppenrath von Papeete, Geistlicher mit westfälischen Wurzeln, spendet 14 jungen Menschen das Firmsakrament.
Text und Fotos: Alexander Brüggemann (KNA)
Monseigneur reisen heute informell. Im roten Hawaii-Hemd und mit einem betagten Strohhut darf Hubert Coppenrath an diesem Samstagabend ganz der sein, der er eigentlich immer ist: ein freundlicher alter Herr. Der Erzbischof von Papeete, höchster kirchlicher Würdenträger von Französisch-Polynesien, fällt nicht auf an Bord der kleinen Personenfähre, die Touristen, Rentiers und Flitterwöchner aus Europa und Amerika von der Propellermaschine zu ihrem Traumziel Bora Bora bringt. Und doch reist der 79-Jährige nicht zur Erholung her. Es ist ein Arbeitsbesuch auf der angeblich „schönsten Insel der Welt“: Morgen früh ist Firmung. Firmung im Ferienparadies.
Schon früh am Morgen ist Betrieb in der Pfarrei St. Pierre Celestin in Vaitape, dem Hauptort der nur knapp 30 Quadratmeter kleinen „Insel unter dem Wind“. Tische und Fahnen werden aufgebaut, das Essen für rund 150 Gäste vorbereitet. Der Chor übt noch - und muss noch üben. Bald tummeln sich die ersten Frauen mit ihren typisch polynesischen Strohhüten, sehen und werden gesehen.
Pünktlich um neun Uhr setzt sich dann ein malerischer Zug in Bewegung, von der Sakristei rund um die Kirche, die noch im Schatten des Vulkans steht. Jeden Moment wird die Sonne über den Mont Otemanu klettern, mit 727 Metern die höchste Erhebung Bora Boras. Alle Teilnehmer bekommen vor dem Einzug eine „Couronne“, den prächtigen Blütenkranz Polynesiens, um den Hals gehängt: die 14 Firmlinge, feierlich gekleidet mit schlichtem Schleier und weißem Gewand wie Ordensfrauen und Diakone; ihre Paten und Katecheten; Pfarrer Abraham Meitai und Erzbischof Coppenrath.
Drinnen erwartet sie eine bunte Gemeinde aus Jung und Alt, in luftiger Sommerkleidung gegen die aufziehende Hitze. Kaum ein Tourist verirrt sich so früh in das moderne, vieleckige Gotteshaus an der Hauptstraße. Eine freudige Spannung summt in der Tropenluft. Dann endlich setzt der Chor ein; die Prozession setzt sich von Neuem in Bewegung.
Spannung, Feierlichkeit und Freude: Sie sind förmlich auf den Gesichtern der Firmanden abzulesen – auch als der Bischof das Wort an sie richtet. „Die zwei Jahre der Vorbereitung auf diesen Tag waren lang“, sagt er. „Danke, dass ihr durchgehalten habt.“ Er warnt vor falschen Freunden, vor Alkohol und Rauschgift. „Auch wenn viele sagen, dass Bora Bora der beste Ort der Welt sei: Seht euch vor“, beschwört er sie.
Die Jungen und Mädchen, die dort so andächtig und ernst zuhören, scheinen in diesem Moment kein bisschen verdächtig, profanen Verlockungen nachzugeben. Doch nach der Messe, als sie ihre Gewänder abgestreift haben und an den langen Esstischen im Pfarrgarten Platz nehmen, da sehen sie schon wieder ganz aus wie ihre Altersgenossen, die an diesem und vielen anderen Sonntagen mit ihren Mofas die Uferstraße entlangbrettern oder neben dicken Lautsprecherboxen am Strand abhängen. Jugendarbeitslosigkeit ist ein großes Problem auf den 118 Trauminseln Polynesiens, die finanziell am Tropf des französischen „Mutterlandes“ hängen.
Lange nimmt sich Erzbischof Coppenrath Zeit, um den Firmanden die Hand aufzulegen und ein paar persönliche Sätze mit ihnen und ihren Paten zu sprechen.
Nicht nur Jugendliche, auch mehrere Erwachsene und sogar ein älterer Herr empfangen das Firmsakrament aus der Hand des Bischofs. Sie sind zumeist von den Maohi-Protestanten übergetreten – einer Mitgliedkirche des Weltkirchenrates (ÖRK), die zuletzt mit einer eigenen „ozeanischen Theologie“ für Aufsehen und Verärgerung sorgte; so wurden etwa beim Abendmahl Kokosnüsse statt Brot und Wein verwendet.
Hier beim katholischen Firmgottesdienst in Vaitape reicht die Exotik – trotz strenger Einhaltung des römischen Messritus – durchaus auch bis in die Liturgie. Statt der üblichen Glöckchen kündigt das sonore Tuten einer großen Südsee-Muschel die Einsetzungsworte der Eucharistie an. Es braucht freilich einen kräftigen Mann, keinen Messdiener, um dem Instrument seinen raumfüllenden Ton zu entlocken.
Nach der Messe findet vor der Kirche das weltweit gleiche Ritual statt: Videokameras surren; Familienfotos mit und ohne Bischof. Coppenrath lächelt und grüßt geduldig in die Linsen und ins Kirchenvolk, das – anders als mancherorts in Deutschland – nicht eilig auseinanderläuft, sondern zusammenbleibt.
Hier wird kein Tisch im Restaurant reserviert; Firmlinge, Angehörige und Gemeindeleitung setzen sich zum Essen an lange Tische. Jeder hat auch für die anderen mitgebracht, was schmeckt und was er sich angesichts der absurd hohen Verbraucherpreise auf den Inseln leisten konnte.
Da krachen die Krustentiere, dazu roher Fisch, gegrillter Fisch, fermentierter, seit Monaten eingelegter und vergorener Fisch. Hähnchen gebraten oder frittiert, Schweinefleisch in Kokostunke mit süßen Kartoffeln. Man isst mit den Fingern; die Gabel dient zum Angeln in den Töpfen. „Na, hat's geschmeckt?“, fragt der Erzbischof den Besucher launig – und verzieht kurz darauf das Gesicht. „Fermentierter Fisch? Das haben Sie gegessen? Ich bin jetzt 79 und habe das noch nie angerührt.“
In der Mittagshitze ist sein Blumenkranz ein wenig welk geworden. Monseigneur verabschiedet sich, wendet sich um in Richtung Pfarrhaus – und gönnt sich noch eine Stunde Ruhe, ehe sein Boot wieder zurück Richtung Tahiti geht.
Noch kürzer war die Stippvisite auf Bora Bora für Pfarrer Abraham Meitai: Ganz unverhofft ist auf Raiatea, einer anderen seiner neun Pfarreien, ein wichtiges Gemeindemitglied gestorben. Gleich nach der Messe musste der Pfarrer zur Hafenmole eilen.
Insel-Hopping im Namen des Herrn – das ist keineswegs immer ein Vergnügen. Von West nach Ost bis zum Tuamoto-Archipel erstrecken sich die Kirchtürme von Vater Abraham über 1300 Kilometer. Zum Vergleich: 949 sind es von Flensburg bis Oberstdorf. 1300 Kilometer und nur ein Priester. Auch das ist Kirche im Paradies auf Erden.







