Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Der Brunnen – Ziel und Neuanfang?

Martina Schneider ist Gemeindereferentin im Pastoralverbund Siegen-Süd.

Die Begegnung Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen lädt ein, in ihm auch unsere Quelle lebendigen Wassers zu entdecken. 

von Martina Schneider 

In seiner Erzählung „Der kleine Prinz“ erzählt Antoine de Saint-Exupéry von der Begegnung des kleinen Prinzen mit dem Händler, der durststillende Pillen verkauft, um so viel Zeit zu sparen. Der kleine Prinz folgt diesem Angebot nicht, sondern sagt: „Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte, würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen ...“ 

Im Evangelium des dritten Fastensonntags spielt ein Brunnen eine wichtige Rolle. Jesus, unterwegs von Judäa nach Galiläa, kommt durch Samarien. Vor allem Wanderer nach einer langen Tour sind froh, auszuruhen und etwas zu trinken, besonders in der Mittagszeit, wenn es recht warm ist. Der Evangelist Johannes beschreibt hier eine alltägliche Situation: Jesus rastet an einem Brunnen, dem Jakobsbrunnen, und seine Jünger machen sich auf die Suche nach Essen. Damit beginnt dann eine außergewöhnliche Begegnung, die mich fasziniert. 

Um die Mittagszeit kommt eine Frau zum Brunnen, ungewöhnlich, weil zu dieser Zeit Frauen eher zu Hause sind. Kommt sie, weil sie vergessen hat, morgens genug Wasser zu holen? Oder kommt sie, weil sie alleine sein und die Frauen aus dem Dorf nicht treffen will? Der Grund spielt dann aber keine Rolle mehr; denn am Jakobsbrunnen sitzt ein Mann, der sie anspricht: „Gib mir zu trinken!“ Eine verständliche Bitte oder fast schon ein Befehl, weil der Mann – Jesus – nichts hat, um Wasser zu schöpfen. Durch etwas Alltägliches, vielleicht sogar Banales kommt ein Gespräch in Gang, wobei die Gesprächspartner nicht unterschiedlicher sein können; insbesondere im Blick auf die damalige Gesellschaft, in der eine solche Begegnung in der Regel nicht vorkommt. 

Aber hier wird deutlich, dass Jesus nicht so handelt, wie es die meisten von ihm erwarten. Er bittet die Samariterin um Wasser, ungeachtet dessen, dass er Jude ist. Und er ist mitten in einem Gespräch über die Bedeutung von Wasser, nicht im ursprünglichen, sondern im übertragenen Sinn; Wasser, das zur sprudelnden Quelle wird. Die Frau bleibt im Gespräch zunächst bei den praktischen Aspekten, versteht aber zunehmend, wer der Mann ist, der mit ihr spricht: Jesus, der Messias. 

 Das Gespräch, vielleicht nur kurz, ist für die Frau von großer Bedeutung. Sie erkennt in ihrem Gesprächspartner Jesus. Und sie weiß, wie sie in Zukunft leben will, was ihr wichtig ist. In der Begegnung mit Jesus begegnet die Frau sich selbst – schmerzlich und schön zugleich. Und ihre innere verschüttete Quelle beginnt zu sprudeln und drängt zur Veränderung.

Der kleine Prinz geht nicht auf das Angebot des Händlers ein. Er will zum Brunnen laufen, um richtiges Wasser zu trinken. Die Frau ist zum Brunnen gegangen, um niemand zu treffen oder weil sie nicht gut geplant hat. Für beide ist der Brunnen ein Ort der Begegnung, der Erkenntnis, der Veränderung. Wasser stillt nicht nur den Durst, Wasser schenkt Leben und Lebendigkeit. In der Taufe werden wir mit Wasser übergossen, gereinigt, erfrischt und erhalten die Zusage, dass Gott sich mit uns auf den Weg macht. 

Die Frau am Brunnen erkennt die Möglichkeiten, umzukehren und neu anzufangen, weil jemand sie so angenommen hat, wie sie ist. Haben Sie Ihren Brunnen entdeckt oder Lust, danach zu suchen?


21.05.2012
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