Wie die Kirche die Taufe neu entdeckt
Das urchristliche Sakrament
Wasser ist ein wichtiges religiöses Symbol. Die Taufe aber ist etwas Urchristliches – inspiriert vom jüdischen Bußprediger und Täufer Johannes. Seit einigen Jahren schenkt die katholische Kirche diesem Sakrament neue Aufmerksamkeit: mit zentralen, teils begehbaren Taufbecken, mit Tauflotsen, längerer Katechese und Tauffeiern in der Gemeindemesse.
von Roland Juchem
Da reibt sich der katholische Kirchgänger die Augen. Der Pfarrer zieht Schuhe und Strümpfe aus, während die Patin mit dem in ein Handtuch gewickelten fünfmonatigen Täufling aus der Sakristei zurückkommt, wo sie das Kind entkleidet hat. Der Priester, bekleidet mit der weißen Albe, nimmt das Kind aus dem Handtuch, steigt mit ihm die drei Stufen in das begehbare Taufbecken hinab, bis ihm das Wasser an die Knie reicht. Dort taucht er den verdutzten Säugling dreimal ins Wasser und spricht dazu: „Jonas, ich taufe dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Dann steigt er mit dem Kind aus dem Becken, gibt es der Mutter, die es sofort ins Handtuch wickelt. Und während die Orgel spielt, wird der frisch aus der Taufe gehobene Christ wieder angekleidet, wechselt der Priester in der Sakristei in ein trockenes Gewand, zieht Strümpfe und Schuhe wieder an und fährt anschließend fort mit der Tauffeier. Er salbt das Kind mit Chrisamöl und legt ihm anschließend das Taufkleid an.
„Muss das so ein Aufwand sein?“, fragt mancher, der Taufe noch als eher unauffälligen Ritus in der Seitenkapelle einer Kirche kennt und sich nun bei Baptisten wähnt. „Es muss nicht sein, aber wer es einmal erlebt hat, der ist beeindruckt und versteht viel besser, was dieses urchristliche Sakrament bedeutet“, antwortet Pfarrer Albert Sprock aus Neumünster. Er war einer der ersten katholischen Geistlichen in Deutschland, der in einem begehbaren Taufbecken, Baptisterium oder Taufpiscina genannt, taufte – wenn die Eltern oder ältere Täuflinge es denn wünschten.
Kurz bevor er Mitte der neunziger Jahre als Pfarrer die Kirche in Westerland auf Sylt neu bauen lassen musste, hatte Sprock gesehen, wie in Wien katholische Geistliche durch Untertauchen tauften. „Ich war begeistert“, sagt er. Um Kirchenvorstand und Gemeinde ebenfalls dafür zu begeistern, holte er sich Argumentationshilfe beim damaligen Münsteraner Domvikar Franz-Peter Tebartz-van Elst, heute Bischof von Limburg.
Der war gerade aus den USA zurückgekommen, wo er eingehender studiert hatte, wie viel Wert die katholische Kirche dort auf die Katechese und Taufe von Erwachsenen legt. „Diese Form der Taufe mag für Sie völlig fremd sein“, sagte Tebartz-van Elst der Gemeinde in Westerland, versprach ihr aber, „wenn Sie es erleben, sind Sie überzeugt.“
Tatsächlich haben viele neu erbaute katholische Kirchen in USA ein großes Baptisterium. Oft zentral im Eingangsbereich, ist doch die Taufe der Eintritt in die Gemeinschaft der Kirche. In Deutschland hingegen scheuen Gemeinden diese Neuerung.
„Mancher Pfarrer würde es ja machen wollen, doch die meisten Gemeinden sind weniger überzeugt“, erfährt Ignaz Funke. Stattdessen hat der Architekt aus Steinfeld bei Vechta in einigen Kirchen den vorhandenen Taufstein in die Mitte gerückt – aus der Seitenkapelle ins Kirchenschiff oder in den Altarraum. Im Oktober hat zuletzt die Gemeinde Maria Magdalena in Bochum-Wattenscheid den Altarraum der Kirche mit begehbarem Taufbecken ausgestattet. Aufblasbare Planschbecken, deren Seepferdchen und Delfine knapp mit violetten Tüchern verhängt sind, und die vereinzelt in katholischen Kirchen Südkoreas oder der Philippinen anzutreffen sind, wären im stärker kunsthistorisch bewussten Europa undenkbar. Umgekehrt zeigen solche Notlösungen, wie wichtig den Christen dort eine sinnlich wahrnehmbare Taufe – das Wort kommt von „tauchen“ – ist. Das neue römisch-katholische Rituale zur Tauffeier erwähnt eigens: „Wo es möglich ist, kann das Kind durch Untertauchen getauft werden“, und weiter: „N., ich taufe dich im Namen des Vaters (erstes Untertauchen oder Übergießen) …“. Übrigens: Die orthodoxe Kirche ist nicht so wasserscheu wie ihre katholische Schwester. Dort werden seit jeher erwachsene wie neugeborene Täuflinge dreimal mit dem Kopf untergetaucht.
Mit der Taufe erfüllen die Christen seit den allerersten Tagen einen Auftrag Jesu, wie ihn Matthäus am Ende seines Evangeliums überliefert: „Tauft (die Menschen) auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“. Rituelle Waschungen kannten auch die Juden, eine einmalige Taufe als Zeichen der Umkehr im Leben bot nur Johannes der Täufer an. Jesus griff diese Idee auf, und seine Jünger führten sie fort. Allerdings verstanden sie Taufe als Aufnahme in eine doppelte Gemeinschaft: mit Christus – also Gott – und mit den Menschen, die an Christus glauben. Als Petrus nach seiner ersten Predigt am Pfingsttag gefragt wird, was zu tun sei, sagt er: „Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.“
Die neue katholische Aufmerksamkeit für die Taufe zeigt sich aber nicht nur in begehbaren Taufbecken und im Untertauchen. Etliche Gemeinden empfehlen Taufeltern und Täuflingen verstärkt, in einem Gemeindegottesdienst taufen zu lassen. In Albert Sprocks neuer Gemeinde St. Vicelin in Neumünster nimmt jede etwa vierte Familie dieses Angebot an. Dann klingen auch die Begrüßungsworte des Priesters oder Diakons überzeugender, der zum Täufling sagt: „Mit großer Freude empfängt dich die Gemeinschaft der Glaubenden.“ Auch kann die Taufe einer Gemeinde, die sonst mit Austrittszahlen und schwindendem Gottesdienstbesuch konfrontiert ist, Mut machen.
Die Gemeinde St. Matthias in Trier bietet den Dienst eines Tauflotsen an. Neben den Paten, von den Eltern ausgesucht, begleiten Tauflotsen der Gemeinde die Familie des Täuflings in der Vorbereitung, zumal wenn die Familie mit kirchlichen Gebräuchen weniger vertraut ist. Sie begrüßen die Familie vor der Kirche und sprechen dort für den Täufling ein erstes Gebet. Zum einen ist vielen Geistlichen und Gemeinden die Taufe durch Untertauchen zu umständlich. Dabei sind Details wie Wassertemperatur oder das Abtrocknen während des Ritus geklärt. Mancherorts könnte fast jede sonntägliche Messe mit einer Taufe gefeiert werden, was kaum Raum für andere Schwerpunkte lässt. Auch wollen nicht alle Familien so viel Aufheben um die Taufe ihrer Kinder, bevorzugen eine kleine Feier. Dort aber, wo sich Erwachsene taufen lassen – ob durch Übergießen, Eintauchen oder Untertauchen –, scheint die Bereitschaft größer, dieses Ereignis für die ganze Gemeinde fruchtbar zu machen.







