Aktuelle Ausgabe
2012-5

Seit zehn Jahren kommen Behinderte aus Düsseldorf ins Nieheimer Weberhaus

Das Haus ist ziemlich klasse

Lutz (rechts) und Alex verbringen die Ferienfreizeit miteinander.

Nieheim. „Damit sind wir seit gestern eingedeckt!“ sagt Ute Raiber, zückt eine bunte Wasserpistole und schießt eine Fontäne zum Nachbartisch rüber, wo Sandra und Olga gerade noch frühstücken. Gejauchze von dort. Allein das Wort Wasserschlacht löst Begeisterung aus. Dies ist eine Ferienfreizeit im Weberhaus Nieheim und Ute Raiber ist hier so etwas wie die Mutter der Kompanie. Mit ihr sind noch 13 weitere Menschen da, sieben von ihnen sitzen im Rollstuhl. Die anderen sind Betreuerinnen und Betreuer.  

von Claudia Auffenberg 

Seit zehn Jahren kommt der Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte Düsseldorf e.V. (VKM) immer im Sommer in die Kolping-Bildungsstätte. Den Weg aus dem Rheinland in die ostwestfälische Provinz haben sie einst durch Mundpropaganda gefunden. Inzwischen kommen sie aus Überzeugung. „Das Haus ist gerade für Schwerstbehinderte ziemlich klasse“, sagt Ute Raiber, „man kommt uns sehr entgegen und wenn es sein muss, dann baut der Hausmeister auch mal ein Gitter fürs Bett.“ 

Die behinderten Urlauber wohnen und arbeiten in Einrichtungen des VKM, die Betreuer sind bis auf Ute Raiber ehrenamtlich dabei.

Nach einem Besuch im Bad Pyrmonter Tierpark und einer spontanen Wasserschlacht gehen sie den nächsten Tag ruhiger an. Die einen bemalen Handtücher, die anderen spielen eine Runde „Vier gewinnt“. Lutz (19) und Alex (27) gehen in die Stadt. Erstmal ins Bekleidungsgeschäft, gucken, ob es dort ein T-Shirt für Alex gibt, und dann gibt es ja die kulinarische Museumsmeile in Nieheim. „Möchtest du ins Brotmuseum oder ins Biermuseum?“ fragt Lutz. „Bier!“ sagt Alex ein wenig verschwommen. „Habe ich mir gedacht“, sagt Lutz grinsend und schiebt den Rollstuhl los. Aber das Biermuseum ist gerade zu. Also, dann direkt ins Café. 

Lutz ist das erste Mal als Betreuer dabei. Wenn er vor ein paar Wochen nicht spontan zugesagt hätte, hätte Alex wohl nicht mitfahren können. Kurz vor Beginn der Ferienfreizeit sind zwei Betreuer abgesprungen. Ute Raiber rief im Weberhaus an, um das Problem zu schildern und notfalls zwei Teilnehmer mit Betreuern abzumelden. Doch Hausleiterin Jutta Eckart aktivierte das Kolping-Netzwerk, in dem es auch das Gütersloher Fachseminar für Altenpflege gibt. Dessen Leiter Michael Buschsieweke schickte zwei Leute. Olga und eben Lutz.

Zum 1. Oktober wird Lutz dort die Ausbildung zum Altenpfleger beginnen, doch schon jetzt kennt der 19-jährige den Umgang mit behinderten Menschen. Er war beim THW, hat im Krankenhaus gearbeitet und war als Integrationshelfer bei Kolping beschäftigt. „Man muss dafür geschaffen sein“, sagt er, während er Alex kaum aus den Augen lässt. Der junge Mann versteht, was mit ihm gesprochen wird, aber von sich aus meldet er sich nur, wenn er Durst hat oder im Rollstuhl ein wenig heruntergerutscht ist. Alles andere muss Lutz erfragen. Noch ein Stück Kuchen? Willst du die Sonnenbrille aufsetzen? Bist du müde? 

Alex kommt aus Düsseldorf und wenn Lutz den Namen der Landeshauptstadt ausspricht, dann tut er es immer mit einem eigentümlich Singsang, was daran liegt, dass sein Vater in Köln lebt. Alex muss lachen. Behindert zu sein, meint Lutz, könne jeden treffen, von jetzt auf gleich. Deswegen ist es für ihn wichtig, für diese Menschen da zu sein und ihnen eine schöne Zeit zu bereiten. Daraus zieht er die Motivation für diese Tage in Nieheim.

Die sind nämlich für ihn und die anderen Betreuer wahrlich kein Urlaub. Sie müssen morgens früh raus, um 7.30 Uhr ist die Grundpflege für die behinderten Menschen angesagt. Dann gibt es ein gemütliches Frühstück, danach beginnt das Tagesprogramm. Ab 22 Uhr herrscht Nachtruhe, dann hören Alex und seine Freundin Sandra noch ein paar Kassetten. Gegen Mitternacht kontrolliert Lutz ein letztes Mal, ob alles in Ordnung ist, dann wird aber wirklich geschlafen!


04.02.2012
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