Gedanken zum Evangelium
Darauf kannst du dich verlassen!
In der Zusage Jesu, dass der Geist kommen und bleiben wird, sieht Schwester Christhild Neuheuser den entscheidenden und sicheren Grund, dass auch wir mit „Osteraugen“ unsere Zeit und Welt sehen dürfen und sollen.
von Christhild Neuheuser
Ich werde – er wird – wir werden – ihr werdet ... achtmal erscheint das Wort „werden“ in dem kurzen Text aus den sogenannten Abschiedsreden Jesu, aus denen das Pfingstevangelium entnommen ist. Der sprachmächtige Verfasser des Johannesevangeliums hätte sich gewiss variationsreicher ausdrücken können, wenn ihm diese Wiederholungen nicht bedeutungsvoll gewesen wären. Sie betonen die Verlässlichkeit des Versprechens Jesu, dass der Geist – die gemeinsame Gabe von Vater und Sohn – kommen, bleiben und wirken wird. Und jene, die in Liebe mit Jesus verbunden sind, erhalten keine Ermahnungen zur Treue, sondern die schlichte Zusage, dass sie an seinem Wort festhalten und seine Gebote befolgen werden. Das erinnert an die 10 Gebote vom Sinai, die auch keine „Soll-Bestimmungen“ sind, sondern nach Meinung mancher Theologen eher zu übersetzen sind mit: „Du wirst...“ Wenn Gott sich als der Freiheit schenkende „Ich-bin-da“ mit Israel verbündet, ruft er sozusagen seinem erwählten Volk zu: „Nun wirst du auch deinerseits den Bund mit mir halten und meinen Weisungen folgen“. Das alttestamentliche Wort vom Bund und Dasein Gottes scheint Jesus zu überbieten, wenn er von gegenseitiger Liebe zwischen Gott und Mensch und vom Wohnen Gottes in uns spricht.
Je tiefer die Beziehung zwischen Menschen ist, umso mehr Gewicht haben Abschiedsworte, umso tiefer graben sie sich in die Erinnerung ein. Zwischen den Abschiedsworten Jesu und deren Niederschrift im vierten Evangelium liegen etwa 70 Jahre. Wie viel Ermutigung und Stärkung wird schon bei ihrer mündlichen Weitergabe davon für die bedrängten ersten Gemeinden ausgegangen sein! Und es ist schwer zu sagen, wer heute mehr auf die Zusage angewiesen ist, dass der Geist als Tröster und Beistand für immer bei uns bleiben wird: die um ihres Glaubens willen blutig Verfolgten weltweit oder wir oftmals glaubensmüde Gewordenen in der „freien Welt“. Gott sortiert uns nicht nach mehr und weniger würdig für den Empfang des Geistes, sondern schenkt ihn unverdient, darauf können wir uns verlassen. Voraussetzung ist allerdings nicht mehr und nicht weniger als die Liebe: „Wenn ihr mich liebt ...“ Der verstorbene Bischof Klaus Hemmerle bat einmal in einem Gebet um „Osteraugen“, die im Menschen bis zu Gott und in Gott bis zum Menschen zu sehen vermögen. Solche Osteraugen könnten uns einen klareren Blick schenken für das Wirken des Gottesgeistes in unseren Mitmenschen, in unserer Kirche, in uns selbst. Besteht nicht oft ein Missverhältnis zwischen der Häufigkeit unseres „mea culpa“ und der Seltenheit unseres „Magnifikats“? Wenn Gott uns seinen Geist ins Herz gibt, wenn Vater und Sohn in uns „wohnen“, dann müssten wir uns doch ständig gedrängt fühlen, mit Maria zu singen „Großes hat der Mächtige an mir getan!“. Ist doch jeder kreative Impuls, jeder ermutigende Gedanke, jedes tröstende Wort und jede hilfreiche Geste letztlich eine Auswirkung des Gottesgeistes.
Und wir können uns noch auf viele neue Erkenntnisse gefasst machen, die uns sowohl im bereits Bekannten bestärken als auch die Augen öffnen werden für ganz neue Einsichten, denn Jesus verheißt: „Der Heilige Geist wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Verlassen wir uns darauf?







