Aktuelle Ausgabe
2012-20

Ein Jungpriester berichtet über Erlebnisse im ersten Jahr

„Dankbarkeit im Wechselbad der Gefühle“

Ein Jahr voller Überraschungen: Nils Petrat ist Vikar im Pastoralverbund Röhr-Ruhr.

Nach Abschluss des Paulusjahres hat Papst Benedikt XVI. das Priesterjahr ausgerufen. Seit einigen Wochen schon beschäftigt sich der DOM mit den Inhalten dieses Aktionsjahres. Um dabei auch die ganze Bandbreite des Pries­terjahres zu verdeutlichen, kommen renommierte Autoren zu Wort, die von innen und außen auf den Pries­terstand schauen. In dieser Folge kommt ein Jungpriester zu Wort, der aus seiner Perspektive das erste Jahr nach der Priesterweihe beschreibt. Nils Petrat ist Vikar im Pastoralverbund Röhr-Ruhr im Sauerland.

von Nils Petrat

Dass mich viel Neues erwarten würde in meinem ersten Priesterjahr, damit hatte ich gerechnet. Dass es so vielfältig und bunt werden würde, darüber war ich immer wieder neu erstaunt. Manchmal lag ich abends im Bett und dachte: Hast du das heute wirklich alles erlebt? Auf einmal ist man mittendrin in seiner Rolle und seinem Leben als Pries­ter. Von langsamen Einstieg oder einer Berufseinführungsphase kann heute bei einem Neupriester nicht mehr die Rede sein. Auf Los geht’s los und jeden Tag wird ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Da ist ein Pastoralteam, drei unterschiedliche Gemeinden und unzählige neue Gesichter. Da sind Erwartungen von allen Seiten. Da stehen im Raum die unterschiedlichsten Kirchen- und Pries­terbilder und Erfahrungen. Und da ist natürlich noch die eigene Person, der Nils Petrat mit seiner eigenen Geschichte, seinen Träumen vom Leben.
In diesem Koordinatensystem findet das erste Pries­terjahr statt. Bei mir spielt der Start in dieses Abenteuer im Sauerland, im Pastoralverbund Röhr-Ruhr. Neue Welten schließen sich auf. Oft ein Wechselbad der Gefühle. Vom Schützenfest bis zur Rosenkranzwallfahrt, von der Magdalenenprozession bis zum Gehbehinderten-Nachmittag, von der Traumhochzeit im Schloss Herdringen bis zur Kleinkind-Beerdigung, von der Werktagsmesse mit sechs älteren Damen bis hin zur überfüllten Christmette oder auch vom St.-Martins-Gottesdienst in der Kirche unter ohrenbetäubendem Lärm bis zum meditativen Abendgebet in der Karwoche. Alles kommt vor. Dazu die Menschen und Gesichter, die sich mit den Erfahrungen verbinden.
Schon verrückt, wie schnell sich das alltägliche Leben ändert. Wie geht’s mir nach diesem Jahr? Zunächst spüre ich große Dankbarkeit: Ich bin sehr dankbar und froh, diesen Schritt gewagt zu haben. Lange hatte ich überlegt, war mir immer wieder unsicher. Jetzt merke ich: Das ist genau das Richtige für dich. Gut, dass du dabei bist! Dankbar bin ich für die zahlreichen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen und für das große Vertrauen und die Offenheit, die die Menschen mir entgegenbringen. Manchmal fast unheimlich: Warum habe ich so einen Vertrauensvorschuss? In meiner ersten Priesterstelle im Pastoralverbund Röhr-Ruhr standen mir von Beginn an Türen und Herzen der Menschen offen: Welch ein Geschenk!
Das Jahr war aber auch anstrengend. In diesem Sommer, also ein Jahr nach der Weihe, hatte ich zum ersten Mal Zeit, richtig innezuhalten, nach einem Jahr wie auf der Überholspur. Man hat schnell den Eindruck: Ich bin dauernd am Machen und am „Produzieren“, aber wo bleibt die Nachhaltigkeit? Wie bleibt das Gesagte und Verkündete auch echt und innerlich gedeckt? Ich denke, ganz entscheidend ist dafür ein großer innerer Freiraum. Ich brauche eine innere Weite, die mir Gelassenheit und auch immer einen gewissen Abstand zum Erlebten geben kann. Die wichtigsten Pfeiler sind da für mich: jährliche Exerzitien und regelmäßige geistliche Begleitung, das tägliche Gebet, die Supervision mit meinem Weihekurs, gute Freunde und oft auch einfach nur Sport.
Das erste Priesterjahr war auch ein Jahr der Beob­achtung und intensiven Wahrnehmung. Viele Anfragen sind daraus in mir gewachsen: Die größte und bedrängendste: Wie kann der christliche Glaube in diesen Breiten überleben? Ja, es geht ums Überleben, das ist mir deutlich geworden. Was können wir tun, dass auch in 20 Jahren noch Menschen in Hüsten, Müschede oder Bruchhausen an Jesus Chris­tus glauben und sich oder ihre Kinder taufen lassen. Mir ist ganz klar: Wir stehen in einer besonderen kirchengeschichtlichen Stunde in Deutschland: Meine richtige Berufsumschreibung ist eigentlich nicht Vikar, sondern Missionar. Eine große Herausforderung.
In diesem Kontext stellt sich vor allem die Frage: Wie kann ich von Gott sprechen, dass mich die Menschen verstehen? Wie können Menschen Gott in ihrem Alltag erfahren? Wie kann ich deutlich machen, an welchen Gott wir Christen glauben? Ich war oft erschüttert, wie tief gewisse Gottesbilder in den Köpfen und Herzen der Menschen verankert sind. Bei den eher Kirchenfernen genauso wie bei der „Kerngemeinde“ und leider auch bei Jugendlichen.
Nur zwei Beispiele: Viele denken selbstverständlich, wir Katholiken glaubten daran, dass ein großer Teil der Menschheit in der Hölle landet oder schon da ist. Welches Gottesbild steckt da dahinter? Der strafende Gott, oder zumindest die Vorstellung: also ein bißchen böse ist Gott sicher schon. Oder die Frage nach der Schöpfung: Wie viele denken, sie müssten als katholische Christen glauben, dass die Welt in sieben Tagen geschaffen wurde, und dass natürlich alles wörtlich wahr ist, was in der Bibel steht. Was ist da in der Verkündigung schiefgelaufen in den vergangenen Jahrzehnten? Wieso sitzen diese teilweise abergläubischen Vorstellungen so tief? Werden vielleicht auch „von oben“ falsche Signale gesetzt?
Und dann ist da auch die Frage nach den Strukturen. Jeden, der in der Kirche aktiv ist, treibt diese Frage um. Und ich ahne, nach einem Jahr kann ich sagen: wie fast alle, mit denen ich darüber gesprochen habe, dass der Weg mit den immer größer werdenden Räumen in dieser Einseitigkeit vor die Wand laufen wird. Der Glaube braucht immer die persönliche Begegnung. Das habe ich ganz stark erfahren in meinem ersten Priesterjahr, und gerade diese persönliche Begegnung wird immer mehr erschwert, zumindest für die Priester und die Hauptamtlichen. Ein eigenartiger Widerspruch: „Die“ Kirche verkündet, wir müssten missionarisch tätig werden, auf die Menschen zugehen, gleichzeitig entfernt sie ihre Mitarbeiter strukturell immer mehr von den Menschen. Ob das gut geht? Ich habe da Zweifel. Die Menschen werden sich nach und nach angesichts der Unerreichbarkeit dessen, was sie suchen, den Priestern und ihrer Kirche entwöhnen. Ich habe natürlich auch keine einfachen Antworten. Aber ich meine, wir müssten offensiv in alle Richtungen überlegen und wenigstens denken.
Und gerade dabei bin ich schon enttäuscht, wie wenig diese Offenheit und auch der Mut und die Phantasie dazu vorhanden ist. Das Hauptschlagwort lautet natürlich: geänderte Zulassungsbedingungen zum Priesteramt. Der heutige Papst hat dazu bereits 1970 selber Vorschläge gemacht! Bei diesem Thema müsste sich etwas bewegen, sonst ist es irgendwann vielleicht zu spät. Meine Generation wird dann mit den Folgen leben müssen. Ein Blick zum Beispiel nach Frankreich ist in Bezug auf den Klerus alles andere als ermutigend.
Ich denke das sind wichtige Zukunftsfragen und ich freue mich darauf, gerade in dieser Zeit die Kirche weiter mitgestalten zu können. Kraft und Zuversicht dafür schöpfe ich immer wieder aus meinem Primizspruch. Jesus sagt zu den ängstlichen Jüngern nachts auf dem See: „Habt Vertrauen. Ich bin es. Fürchtet euch nicht“ (Mt 14, 27). Vertrauen wir dem Leben, weil wir es letztlich nicht alleine leben müssen.


21.05.2012
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