Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Christus – Navigator unseres Lebens

Msgr. Dr. Michael Hardt ist Direktor im Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik.

Der Weg zur Einheit und Einmütigkeit in Kirche und Ökumene führt über das konsequente Hören auf Jesus Christus und seine Botschaft. 

von Michael Hardt 

Fast jeder hat heute in seinem Auto ein Navigationsgerät, liebevoll „Mathilde“, „Franziska“, „Oscar“ oder anders genannt. Meine „Franziska“ lässt mich nie im Stich. Habe ich mich verfahren, bietet sie mir nach wenigen Sekunden mit freundlichem Tonfall eine neue Fahrtroute an. So komme ich immer sicher ans Ziel. Allerdings sollte man dem Navi trotzdem nicht blind vertrauen. Wer in meinem Wohnort von der „Dahler Heide“ zur „Langen Trift“ fährt und die kürzeste Strecke wählt, den leitet Kollege „Navi“ direkt durch eine schmale Furt durch den Ellerbach und dann auf den gegenüberliegenden Hang.

Wer also alle Entscheidungen dem „Navi“ überlässt, macht sich abhängig und wird feststellen müssen, dass auch das „Navi“ nicht unfehlbar ist. Ohne persönliche Entscheidungen kommen wir auch in Zukunft nicht aus: im Straßenverkehr nicht und erst recht nicht auf den Wegen des Lebens.

Damit haben wir eine Hörhilfe für die Botschaft der heutigen liturgischen Texte. Wenn ich Paulus richtig verstehe, dann verordnet er der Christengemeinde in Korinth auch ein „Navi“ fürs Leben – einen „Navigator“. Dabei trifft Paulus unter den verschiedenen Anbietern eine klare Entscheidung. Nicht Paulus, nicht Apollos, nicht Petrus, einzig und allein Christus ist der „Navigator“. Damit weist Paulus die Führungspersönlichkeiten der Gemeinde in die Schranken und gibt den Leitstern zum Beispiel für die Frage der würdigen Eucharistiefeier, für den Streit mit den Charismatikern und denen, die auch weiter am Opfermahl im Tempel teilnehmen, an.

Harmoniesüchtig war Paulus gewiss nicht. Wenn der Apostel also – wohlgemerkt – eher Einmütigkeit statt Einheitlichkeit einfordert, müssen die Zustände in der Gemeinde schlimm gewesen sein. „Roma locuta, causa finita“ (Rom hat gesprochen, die Sache ist erledigt), mit dieser Regel hätte Paulus wahrscheinlich Schwierigkeiten gehabt. Das Leben ist nicht schwarz oder weiß. Deswegen richtet Paulus den Blick immer wieder auf Christus. Nur Christus und seine Botschaft dürfen die Richtung und den Weg weisen. 

In der augenblicklichen Stunde der Kirche mit so unterschiedlichen Vorstellungen über den rechten Weg vermag ebenfalls das Hören auf das Evangelium die Einmütigkeit der Christen zu retten. Vor 50 Jahren waren es die „Konservativen“, die im Aufbruch der nachkonziliaren Zeit ihre Kirche nicht wiederfanden. Derzeit sind es vielleicht eher diejenigen, die damals die Reformen dankbar mit gestaltet und mit getragen haben, die sich verwundert die Augen über die auch jungen Leute reiben, die nun aus der Restauration das Heil für die Kirche erwarten.

„Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer … Das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen …“. Jesus nimmt hier Bezug zur Vision des Jesaja. Dieses Licht leuchtet auch heute. Ich verbinde es mit einem Wort des Apostels Petrus: „Herr, du allein hast Worte des ewigen Lebens!“ Diese Erfahrung richtet das Ohr immer wieder zum Worte Gottes aus. Christus bleibt der „Navigator“, das heißt der Steuermann des Kirchenschiffes und der „Nuss-Schale“ des eigenen Lebens. Allerdings verlangt dieser Steuermann durchaus Nachdenken, Durchdenken und persönliche Entscheidung. Dann bleibt jenseits von vorschnellen „Einheitlichkeitsansprüchen“ die Einmütigkeit durch das gemeinsame Hören auf Gottes Wort erhalten.

 

 


18.05.2012
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