Aktuelle Ausgabe
2012-20

Woran lässt sich seelsorglicher Erfolg messen?

Cafe, Choral und Citytour

Antoniterkirche neben Hochglanzfassade: Heute muss sich seelsorgliches Tun durchaus auch an den Methoden der übrigen Welt messen lassen. Dazu gehört auch die Erfolgsbilanz, Foto: Buysch

Köln. Glas neben Stein. Moderne neben Tradition. So präsentieren sich das Café Stanton und die Antoniterkirche gemeinsam als evangelische Citykirche in der Schildergasse, mitten in Kölns Fußgängerzone. Während in der Kirche gerade Gebet und halbdunkle Ruhe herrscht, reden Annette Scholl und Berthold Höcker im kircheneigenen Café nebenan bei Kaffee und Kuchen über den Erfolg der Antonitercitykirche, die eine als deren Öffentlichkeitsreferentin, der andere als ihr Pfarrer.

Doch woran misst man Erfolg in der Seelsorge? Wie vielfältig genau ist die Frucht von Gemeindearbeit? „Erfolg in der Seelsorge ist eigentlich nicht messbar“, meint Pfarrer Höcker. Doch ein paar Zahlen lassen sich dem Sakristeibuch dann schon entlocken: gut 200 Besucher zum Sonntagsgottesdienst und um die 80 gerade eben noch zum Johannisfest am Dienstagabend. In einer evangelischen Innenstadtgemeinde in Köln sind das Zahlen, die sich durchaus sehen lassen können.
Als Höcker dort vor drei Jahren aus Kiel kommend als Pfarrer begann, sah dies noch anders aus. „Da saßen da zwanzig Menschen. Und der Gottesdienst bestand darin, dass man im schwarzen Talar auf Leute einredete.“ Dass das heute anders aussieht, hängt mit der Öffnung für verschiedene Gruppen und einer Erweiterung des Angebots zusammen. Die Gemeinde, die sich aus Interessierten der gesamten Stadt und Region zusammensetzt, findet nun reformierte und unierte Gottesdienste, verschiedene Gedenkfeiern im Jahr, Heilungsgottesdienste und auch besondere Gottesdienstreihen wie das Saturday-Night-Fever, wozu besonders Homosexuelle eingeladen sind. „Die meisten Ortsgemeinden wenden sich besonders an junge Familien“, erläutert Bertold Höcker. „Wir haben hier alle anderen.“
Alle anderen – das sind vor allem städtisch lebende Menschen jeden Alters, die an Lifestyle, an Sinnfragen und kulturellem Austausch interessiert sind, meist Akademiker. „Managing diversity“ nennt sich das und bedeutet, dass in der Stadtgemeinde eine Vielfalt von Menschen ihren Platz findet und sie mitgestalten darf. Und das wiederum lässt sich messen: Neben fünf Hauptamtlichen engagieren sich fast 150 Ehrenamtliche. Menschen wie Antje Löhr-Sieberg, die jeden Tag bis zu acht Stunden für Gotteslohn Raum- und Buchungsanfragen bearbeitet. Und was da gebucht wird, lässt sich als weiterer Erfolg beziffern.
Seit gut drei Jahren haben sich die AntoniterCityTours zu einem Publikumsmagneten entwickelt: Stadtführungen und spirituelle Rundgänge. Seit Annette Scholl die Konzeption übernommen hat, finden bis zu 20 solcher Touren pro Woche statt. Vor ein paar Jahren wurde diese Zahl gerade mal in drei Monaten erreicht. Dabei ist das christliche Profil in Zusammenarbeit mit dem katholischen Domforum noch stärker herausgearbeitet worden. „Führungen durch Brauhäuser werden sie bei uns nicht finden, auch wenn man damit richtig Geld machen könnte.“ Nein, das besondere ihrer Touren erklärt Annette Scholl anhand des diesjährigen „Summer in the City“, in dem an vier verschiedenen Tagen vier große Kölner Friedhöfe in Wort und Musik als Orte des Lebens erschlossen werden. Solch Touren finden viel Anklang bei Einheimischen wie Touristen, gehören aber unbedingt zur Gemeindearbeit dazu, wie der evangelische Pfarrer Höcker erklärt: „Solche eine Friedhofsführung lässt sich ja wie ein Gottesdienst nehmen, denn die Menschen hören auf Gottes Wort, weil auch aus der Bibel vorgelesen wird und die Reliefs auf den Grabsteinen werden gedeutet. Fehlt nur noch, dass ein Lied gesungen wird.“
Natürlich gibt es neben spirituellen Rundgängen Stadtteilführungen, aber eben auch Grenzen für solche Art Bildungsarbeit. „Wir machen das ja nicht, weil wir Touristen zeigen wollen, wie schön die Stadt Köln ist. Wir wollen das, was man in der Stadt sehen kann, christlich deuten und so die christliche Tradition der Stadt wiederentdecken.“
Aber: Gehören Stadtführungen zum Kerngeschäft einer christlichen Kirche? „Kernaufgabe ist die Verkündigung des Evangeliums und die Darreichung der Sakramente. Und das tun wir hier“, kontert Höcker. Denn ob AntoniterCityTours, reformierter Gottesdienst, ökumenische Choralschola, Café Stanton, Gedenkfeier für Unbedachte, Kamingespräche und Seminare, Seniorenarbeit oder Saturday Night Live – alle Aktionen und Einrichtungen dort sollen der Bekanntmachung der christlichen Botschaft dienen.
Dass dies gelingt, zeigt eine weitere Zahl: mit 270 Kircheneintritten pro Jahr ist die der Antoniterkirche ange­gliederte Stelle für Kirchenwiedereintritte die bundesweit erfolgreichste. Und noch zwei Zahlen: pro Tag 800 bis 1000 Besucher in der Kirche sowie etwa 300 im Café Stanton.
Jedoch: Bei allem messbaren Erfolg klappt nicht alles. Manche Aktionen wurden auch, wie Pfarrer Höcker zugibt, „grandios gegen die Wand gefahren. Da kam dann beim dritten Mal schon keiner mehr.“ Gerade deswegen tröstet ihn aber das Gleichnis vom Sämann: „Wir können bei uns nur säen. Wo die Saat hinfällt und ob sie dann aufgeht, entscheiden nicht wir. Oder anders: Es ist nicht unsere Aufgabe zu retten, unsere Aufgabe ist es zu verkündigen. Und dafür möchte ich mein Bestes getan haben.“
Christoph Buysch


www.antonitercitykirche.de

www.antonitercitytours.de


18.05.2012
Impressum | Kontakt
4002