Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Blinde können wieder sehen

Wolfgang Dembski ist Pfarrer der Pfarrei Hl. Familie in Dortmund-Brünninghausen.

„Mach aus. Ist nichts drin!“ Ein Mann sagt das zu seiner Frau. Sie sitzen vor dem Fernseher. Zwar haben sie alle 36 Programme durchgezappt, aber nichts gefunden. „Was sollen die auch immer bringen. Irgendwie hat man ja alles schon mal gesehen“, sagt der Mann.

von Wolfgang Dembski

Anders geht es seinem Sohn. Der 14-Jährige starrt in seinem Zimmer voll konzentriert auf den Bildschirm. Da kämpfen außerirdische Fabelwesen gegen ein Heer von Mons­tern und es werden blutige Schlachten geschlagen. Wenn der Junge mit den Videospielen aufhört, wird er im Internet surfen und da in eine Flut von Bildern und Texten eintauchen. 
Es gibt unendlich viel zu sehen. Wohl noch nie haben Menschen so viele visuelle Informationen erhalten, wie heute. Es gibt nahezu keine Tabus mehr, alles liegt offen vor unseren Augen, nichts bleibt verborgen. Aber unsere Aufnahmefähigkeit ist begrenzt. Was sollen wir aus der Fülle auswählen? Was  sollen wir aufnehmen und im Gedächtnis behalten, was als Schrott aus unseren Köpfen entsorgen? Ja vielleicht sehen wir so viel, dass wir schließlich gar nichts mehr richtig sehen, dass wir blind werden für das, was wirklich wichtig und für unser Leben heilsam ist.
Ob Eltern zum Beispiel im Blick haben, wie es ihren Kindern geht? Was sie in ihrer Freizeit treiben, mit welcher Clique sie herumziehen? Oder ob Menschen wahrnehmen, dass andere ganz in ihrer Nähe arm dran sind, dass sie leiden und dringend Hilfe brauchen? Ob wir genau hinschauen, wenn die Mächtigen in Politik und Wirtschaft von Sachzwängen reden und doch nur ihre Eigeninteressen durchsetzen wollen? Und  wenn wir zugeschüttet werden von Spaß und Erlebnisangeboten, ob wir uns dann die Mühe machen, auszuwählen, was uns und besonders jungen Menschen gut tut?
Damit wir den Durchblick nicht verlieren und das Wichtigste nicht übersehen, sollten wir unsere Sehfähigkeit schulen. Die Bibel hilft uns dabei. In ihrer schönen Bildersprache erzählt sie uns vom Antlitz Gottes. Gott wendet uns sein Antlitz zu und schaut auf uns. Leider hat man dieses Bild oft missbraucht. Es wurde gedroht: „Hüte dich, im Verborgenen Böses zu tun! Der liebe Gott sieht alles.“ Dabei hätte man wissen müssen, dass der Blick Gottes ein Blick der Güte und Barmherzigkeit ist. Der Blick eines guten Vaters, für den seine Geschöpfe konkurrenzlos wichtig sind, der an ihnen Freude hat, der sie ermutigen will zum Leben und der alles Böse von ihnen fernhalten möchte.
Diese Sichtweise Gottes will Jesus den Menschen nahebringen. Er will uns die Augen öffnen, damit wir die Welt so sehen, wie Gott sie sieht, nämlich so: Wenn du in den Spiegel schaust und mit dir unzufrieden bist, sieh dich nicht als Versager, sondern als ein einmaliges wertvolles Geschöpf. Wenn du den Durchblick verloren hast und nicht mehr weißt, wie es weitergehen soll, dann schau dir den Weg an, den Jesus gegangen ist. Dieser Weg ist immer ein Hoffnungsweg, ein Ausweg. Wenn du die Mitmenschen nicht mehr ausstehen kannst, die oft so böswillig und gemein sind, dann betrachte sie dennoch nicht als Feinde, sondern, so schwer es auch fällt, als liebenswert. Und wenn du das Leid der Menschen nicht mehr mit ansehen und dein eigenes Leid nicht mehr ertragen kannst, wenn der Schmerz so groß ist, dass du nur noch schreien möchtest wie der blinde Bartimäus, dann schau auf den, der am Kreuz hängt und sich mitten im Leid von Gott geborgen weiß.
Unzählige Informationen gibt es. Eine ist die wichtigste: Gott ist immer für dich da. Unzählige Bilder gibt es. Eins ist das schönste. Wir werden es sehen, wenn wir einmal Gott schauen von Angesicht zu Angesicht.


18.05.2012
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