Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der Erziehungswissenschaftler Professor Wassilios Fthenakis über die Reform des Bildungssystems

Bildung muss das Ergebnis eines dialogischen Prozesses werden

Professor Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis wurde 1937 geboren. Er studierte Pädagogik sowie Anthropologie und Humangenetik, Molekulargenetik und Psychologie. Er lehrte unter anderem an den Universitäten München, Münster und Berlin und ist Mitglied in vielen wissenschaftlichen Organisationen.

Unser Bildungssystem bedarf einer gründlichen Reformierung – dieser Meinung ist Professor Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis. In seinem Gastbeitrag führt er aus, wo Reformen ansetzen sollten, wenn sie Erfolg haben sollen, und wo unser Bildungssystem ein grundsätzliches Umdenken dringend nötig hat.

von Prof. W. Fthenakis

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen Bildungssysteme vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. Denn Bildungssysteme sind immer Kinder ihrer Zeit. Im 20. Jahrhundert erhielten sie ihre Legitimation über die staatlich gesteuerte Kodifizierung, über eine mehr oder weniger systematische Aufbereitung und eine konsequente Vermittlung des Wissen. Heute haben sich alle Prämissen für die Legitimation und für das Funktionieren solcher Bildungssys­teme verändert: Nicht die Vermittlung von Wissen steht im Vordergrund, sondern die Stärkung kindlicher Entwicklung und Kompetenzen.
Zudem müssen die Bildungssysteme die Kinder auf eine tiefgreifend veränderte Welt vorbereiten, auf eine Welt mit hoher sozialer Komplexität, die einen noch nie da gewesenen beschleunigten Wandel aufweist. Gesamtgesellschaftlich sehen sich Kinder und Erwachsene nicht nur globalen Veränderungen ausgesetzt, sie müssen oft auch den engen vertrauten geopolitischen Raum verlassen. Vor diesem Hintergrund erfahren die Bildungspläne ihre Begrenzung, die mehr den Prämissen des Nationalstaates folgten. Wenn wir unsere Kinder zukunftsorientiert bilden wollen, brauchen wir neue Bildungspläne.
International hat sich bereits eine andere Entwicklung etabliert, die das bisherige Bildungssystem stark infrage stellt und ein anderes Verständnis von Bildung, eine andere Architektur des Bildungssystems und eine fachlich begründete Organisation von Bildungsprozessen vertritt. In diesem neuen Verständnis eines reformierten Bildungssystems steht das Kind im Mittelpunkt, nicht die Bildungsinstitution. Die Optimierung kindlicher Bildungsbiografien ist demnach das Ziel. Dabei wird ein Bild vom Kind vertreten, das von Anfang an seine Bildungsbiografie kompetent mitgestaltet. Das Kind wird ganzheitlich betrachtet. Wenn es um die Stärkung kindlicher Entwicklung und Kompetenzen geht, dann ist folgerichtig, dass die ersten beiden Stufen im Bildungsverlauf, der Elementar- und der Primarbereich, zentral von Bedeutung sind, denn während dieser Zeit entwickeln sich im Wesentlichen die kindlichen Kompetenzen. Zudem liefert uns die Forschung den Befund, dass für eine optimale Entwicklung des Kindes allein der Beitrag der Bildungsinstitutionen nicht ausreicht. Andere Bildungsorte tragen mehr zur kindlichen Entwicklung bei als nur die Bildungsinstitutionen allein. Die Folge ist die Entwicklung lernortorientierter Bildungspläne und die Einbeziehung aller Bildungsorte. Zugleich hat man erkannt, dass das bislang vertretene Bildungsverständnis, das der Logik des Selbstbildungsprozesses im Kindergarten und des Vermittlungsansatzes in der Grundschule folgte, kindliche Bildungs- und Lernprozesse nicht optimal fördern kann. Diese unterschiedlichen Positionen sind hinderlich, wenn man eine engere Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule erreichen möchte.
Vor diesem Hintergrund habe ich mich dafür eingesetzt, das Bildungsverständnis dahingehend zu verändern, dass die Generierung von Wissen und die Sinnkonstruktion das Ergebnis eines dialogischen Prozesses, einer Interaktion ist, an der sowohl das Kind als auch die Fachkraft – wie viele andere auch – aktiv beteiligt sind: Wissenserwerb und Sinnkonstruktion sind eben das Ergebnis einer Ko-Konstruktion. Diese Position führt nicht nur zu einem anderen Bildungsverständnis, sondern auch zur Neudefinition der Bildungsziele und zu einer veränderten Architektur von Bildungssystemen. Ko-konstruktiv organisierte Bildungsprozesse erforschen den Sinn und beschränken sich nicht auf den bloßen Faktenerwerb. Bildung auf Sinnkonstruktion zu konzeptualisieren, ist das Gebot und die Konsequenz dieses veränderten Bildungsverständnisses. Dies impliziert eine andere Qualität in der Beziehung zwischen Fachkraft und Kind: beide sind aktive Ko-Konstrukteure kindlicher Bildung. Um dieses Bildungsverständnis zu implementieren, benötigt man ein reformiertes Bildungssystem. Bildungsvisionen, die für alle Fachkräfte gelten, sie einbinden und zugleich verpflichten, durchdringen den gesamten Bildungsverlauf. Wir benötigen ein klares Bild der zu fördernden Kompetenzen und der Bildungsbereiche sowie eine Transformation der Organisation von Bildungsprozessen, die zur Überwindung einer eher erfahrungsgeleiteten Perspektive führt und sie mit einer fachlich begründeten ergänzt. Vor allem benötigen wir Fachkräfte mit hoher Ausbildungsqualität und solche, die das Kind als einen Wert an sich anerkennen und wertschätzen, die einfühlsam auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes reagieren, seine Stärken – nicht nur Schwächen – in den Mittelpunkt stellen, darauf aufbauen und die Kinder ermuntern,  selbst verantwortungsvoll und wertorientiert zu handeln.


18.05.2012
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