Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zur zweiten Lesung

Bild dir bloß nichts ein!

Dr. Burkhard Neumann,

Israel hat vor Gott versagt, es braucht sich auf seine Erwählung nichts einzubilden. Und doch will Gott mit ihm etwas Neues anfangen. Dies gilt auch für uns, so schärft Burkhard Neumann ein, Ökumene-Wissenschaftler und Pastor in Schlangen. Nur wenn Christen und die Kirche ihr Versagen eingestehen, schenkt Gott ihnen neue Zukunft.
von Burkhard Neumann

„Bild dir bloß nichts ein!“ – wie oft denken und sagen wir diesen Satz im Blick auf andere Menschen, die ein Bild von sich selbst haben, das nach unserer Auffassung der Wirklichkeit ganz und gar nicht entspricht.
„Bild dir bloß nichts ein!“ – ausgerechnet dem Volk Israel, das Gott aus der Menge der Völker ausgewählt hat als sein besonderes Eigentum, wird so etwas gesagt. Es hat, wie es heißt, Gott nicht gerufen, sich mit ihm keine Mühe gegeben, es hat also gar keinen Grund, sich irgendetwas darauf einzubilden, dass es das von Gott auserwählte Volk ist. Im Gegenteil, es hat Gott nur Arbeit gemacht und ihn mit seinen Sünden geplagt. Und diese Bilanz zieht Gott ausgerechnet in einer Situation, in der Israel buchstäblich am Ende zu sein scheint, nämlich nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 vor Christus und dem darauf folgenden Exil des Volkes Israel in Babylon. Nach diesen Worten ist Israel selbst Schuld an seiner Situation, ist sie kein Unglück, das über es gekommen ist und für das es Mitleid verdiente, sondern die Folge davon, dass es eben Gott mit seiner Schuld Arbeit und Plage gemacht hat. „Bild dir bloß nichts ein!“ – deutlicher könnte Gott es Israel wohl nicht sagen, was es von sich halten darf!
Aber das ist eben nicht das letzte Wort Gottes. Gerade diesem Volk sagt er zugleich zu, dass er etwas Neues schaffen wird, dass dieses Volk doch eine Zukunft hat, dass Gott ihm sogar seine Schuld vergeben und seine Vergehen auslöschen wird – nicht, weil Israel es verdient hätte, sondern, wie Gott ausdrücklich und betont sagt, „um meinetwillen“. Gott vergibt einfach so, er vergibt, weil es ihm und seiner Liebe zu Israel entspricht, so zu handeln. Darauf kann sich Israel erst recht nichts einbilden, und zugleich darf es gerade auf diesen Gott hoffen und ihm vertrauen, einzig und allein weil er es will, weil er Israel nicht loslässt, sondern ihm seine Schuld vergibt und eine Zukunft verheißt, konkret die Rückkehr aus dem Exil in das Land, das er den Vätern Israels versprochen hat.
Die sogenannten Kirchenväter, also die großen Bischöfe und Theologen der alten Kirche, haben ganz selbstverständlich das Alte Testament immer auch auf die Gegenwart und damit auf die Kirche hin gelesen und ausgedeutet. Sie hatten darum auch keine Scheu, im Blick auf die Worte der Propheten ihrer Kirche aufzuzeigen, wo sie dem Willen Gottes nicht entsprochen hat, wo die einzelnen Christen wie auch die Kirche selbst schuldig geworden sind. Und wir würden uns als Christen und als Kirche auch heute keinen Gefallen tun, wenn wir nicht bereit wären, die Worte des Propheten Jesaja ebenso ehrlich auf uns anzuwenden. Auch uns, nicht nur als Christen, sondern auch als Gemeinden und als Kirche im Jahr 2009 gilt darum dieses „Bild dir bloß nichts ein!“. Denn auch wir müssen uns immer wieder ehrlich fragen, ob und wo wir Gott geplagt, ob und wo wir ihm unnötig Arbeit gemacht haben. Und nur dann, wenn wir auch die­se Seite unserer Geschichte annehmen, werden wir offen für jene Zukunft, die Gott uns schenken will. Denn nur dann kann es uns so ergehen, wie es Israel ergangen ist: dass Gott trotz aller Arbeit und Plage, die er mit uns hatte, uns einzig und allein um seinetwillen, weil wir ihm wichtig sind, einen neuen Anfang, eine neue Zukunft schenken wird. Dann, wenn wir so ehrlich sind zu uns selbst, dürfen wir wirklich auf den Gott hoffen, der auch für uns als Gemeinde oder Kirche „etwas Neues“ machen wird.


18.05.2012
Impressum | Kontakt
4002