Gedanken zum Evangelium
Better City – Better Life!
Propst Michael Feldmann weilte anlässlich einer Firmung fünf Tage in der deutschen Gemeinde in Shanghai. Mit Hilfe seiner Eindrücke von der Weltausstellung aktualisiert er das Evangelium.
von Michael Feldmann
Better City – Better Life! (Eine bessere Stadt für ein besseres Leben). Die Weltausstellung EXPO 2010 will von Mai bis Oktober mit diesem Motto die Welt begeistern. Auf einer Fläche von fünf Quadratkilometern erwartet die 20-Millionen-City Shanghai am Jangtse-Delta etwa 70 Millionen Besucher: die größte Expo aller Zeiten. Quantität ist Qualität? Better City – Better Life?
Für einen kurzen Moment nimmt das Lukasevangelium (Lk 10,1) eine Stadt in den Blick: Er „sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte“. City (englisch) von Cívitas (lateinisch) bedeutet wörtlich „Bürgerschaft“: alle sind gemeint! Christentum ist von Anfang an nicht auf auserwählte Klein- und Wohlfühlgruppen angelegt, sondern nimmt alle in den Blick. Vielleicht sandte Jesus seine Jünger deshalb zu zweit aus, um die wachsende Menge und auch die Städte im Blick zu behalten und nichts zu übersehen. Die biblischen Städte, die Zielgruppen Jesu, die großen Menschen(an)sammlungen sind zu unübersichtlichen Metropolen geworden.
Nun ist auch Shanghai nicht ohne Christen. In kleinen Gemeinschaften finden sie sich zusammen. Etwa 7000 Deutsche beider Konfessionen sind eingeladen, sich unter Leitung eines ökumenischen Pfarrgemeinderates im Geist Christi zu versammeln. Eine absolute Minderheit resigniert nicht, sondern engagiert sich für ihren Glauben und für ein besseres Leben: Botschafter des Herrn, Repräsentanten einer anderen Welt! Better City – Better Life! Und der Evangelist Lukas nimmt noch einmal die City in den Blick (Lk 10,8): „Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt … sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe.“ Kirche und Christentum haben keinen Selbstzweck, sondern müssen dienen!
Der deutsche EXPO-Pavillon auf einer Grundfläche von 6 000 Quadratmetern und begleitet von 240 Mitarbeitern empfängt jeden Tag etwa 40 000 Besucher. Stundenlang warten die Leute auf den Einlass. „Balancity“ ist der Titel des Gebäudes, das eine City, eine Stadt in Balance, in Ausgeglichenheit präsentieren möchte. Arbeitswelt und Freizeit, Ökologie und Industrie, Kultur und Natur sollen um des Menschen willen ausgewogen harmonieren. Ein (un)-erreichbares Ideal? Wer keine Ideale hat, kann nicht mehr zwischen Hoffnung und Realität sein Leben balancieren. Höhe- und Schlusspunkt des Rundgangs in „Balancity“ ist eine geschlossene Arena für 600 Gäste, die Energiezentrale. Eine tonnenschwere Dreimeterkugel mit 30 000 Leuchtdioden (LED) nimmt Bewegung und Rufe, nimmt die Energie der Besucher auf und setzt sie in ein faszinierendes Farbenspiel um. Freigesetzte Energie des Einzelnen wird gewandelt in Licht für alle! Sprache wird zum Energiespender. „Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt … sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe.“
Energiezentrale des Christentums ist die aktive Verkündigung durch aller Munde! Einzel-Gänger-Rufer-in-der-Wüste (Jes 40,3) richten in den wachsenden Steinwüsten unserer Tage, richten in den Städten der Zukunft nichts mehr aus. Nur gemeinsam setzen wir in Bewegung. Kirche als Energiezentrale: Better City – Better Life! Von den zahlreichen biblischen Gedanken zum Stichwort Stadt ist wohl in der Luther-Übersetzung, der sich die Einheitsübersetzung anschließt („Bemüht euch um das Wohl der Stadt“), der bekannteste: „Suchet der Stadt Bestes“ (Jer 29,7). Und was ist das beste Wohl? Shalom und Pax heißt es wörtlich bei Jeremia: Frieden. Die fünf Millionen chinesischen Katholiken, seit 1957 staatlich kontrolliert in der „Patriotischen Kirche“ haben sich nach langen Leidensjahren langsam und vorsichtig der Papstkirche angenähert. In ihren Versammlungsräumen hängt überall ein Bild des Heiligen Vaters. Glaubensfreiheit ist relativ. Der Frieden zwischen Glauben und Gesellschaft bleibt Prozess. Better City – Better Life!






