Über Worte, die wirken
Besser ein Messer ...
Worte haben heutzutage nicht den besten Ruf. „Was interessiert ihn sein Geschwätz von gestern ...?“, wirft man nicht nur Politikern vor. „Lass sie doch reden ...“, würgt man Diskussionen ab. „Kann ich das schriftlich haben?“, so sucht man Sicherheit.
von Susanne Haverkamp
Geschwätzt wird am Handy und in Talkshows. Die Welt ist voll von überflüssigen Worten. „Wortgeräusche, Wortdurchfall“, nennt das der Würzburger Pastoraltheologe Erich Garhammer und nennt andere Beispiele: „Es gibt gefrorene Worte, die zur bloßen Formel erstarrt sind, es gibt das Wort, das beschönigt und das, das immer alles schwarz malt.“ Und es gibt Worte, die geradezu tödlich sind, meint der Theologe und zitiert ein Gedicht von Hilde Domin (1909–2006):
„Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei.
Nicht das Wort.“
(Hilde Domin, Unaufhaltsam, in: H. Domin, Abel, steh auf, Reclam-Verlag)
Und dann diese Botschaft: „Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Dieses Wort ist kein Geschwätz, dieses Wort wirkt. „Alles ist durch das Wort geworden“, heißt es im sogenannten „Johannesprolog“, dem theologischen Vorwort des Johannesevangeliums. „Diese Sätze erinnert noch einmal an die Schöpfungsgeschichte“, erläutert Erich Garhammer. „Gott sprach: Es werde Licht. Und es wart Licht.“ Ein Wort, das wirkt, das verändert.
„Solche Worte kennen wir in der Kirche auch“, sagt Garhammer. Etwa bei der Spendung der Sakramente. „Ich taufe dich …“, sagt der Priester oder Diakon – und es geschieht. „Ich nehme dich an …“, sagen die Brautleute und werden durch ihr Ja-Wort zu Mann und Frau. „Wir Theologen nennen das ein ‚performatives Wort‘, sagt der Pastoraltheologe. „Im Unterschied zum informativen Wort gibt es nicht nur eine Nachricht weiter, sondern verändert etwas.“ Das kennt man auch aus dem Alltag. „Ich liebe dich“ ist keine Information zur freundlichen Kenntnisname. „Ich liebe dich“ verändert das Leben oder erneuert eine längst zur Gewohnheit gewordene Liebe. „Ich schwöre …“ ist nicht nur eine Information an den Richter, sondern eine Verpflichtung zur Wahrheit, die in dem Moment eintritt, in dem das Wort ausgesprochen wird. „Alles ist durch das Wort geworden.“ Auch das Schlechte. „Ich trenne mich von dir …“ zieht einen endgültigen Schlussstrich unter eine Beziehung. Und als im Nationalsozialismus immer wiederholt wurde „Die Juden sind unser Untergang!“ begannen die brutalen Verfolgungen. So wie die jüdische Dichterin Hilde Domin schrieb: „Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei. Nicht das Wort.“
Worte sind mehr als „Schall und Rauch“, Worte schaffen Wirklichkeit. „Deshalb ist es so wichtig, behutsam mit Worten umzugehen“, sagt der Theologe Erich Garhammer, der sich viel mit Predigt und mit Literatur befasst. Seiner Meinung nach braucht es gerade in der Religion Worte, die man mitnimmt, die man länger behält, „Worte zum Kauen, Worte zum Beißen“. Das ist das Gegenteil von Geplapper. „Die Kirchenväter haben gesagt, der Mensch sei geistlich gesehen ein Wiederkäuer“, schmunzelt der Theologe. Soll heißen: Die Worte der Kirche, die Worte der Bibel sollen immer und immer wieder bedacht werden. „Um einen Text wie den Johannes-Prolog zu verstehen, braucht man ein Leben lang.“ Was nur beweist, dass dieses „Wort“ es in sich hat. Mehr als so manche Predigt. Denn auch darin ist sich Garhammer sicher: „So wichtig unsere menschlichen Worte auch sind: Sie sollten den übertriebenen Ton der Wichtigkeit vermeiden, sie sollten Körpertemperatur bekommen.“ Denn an das Wort Gottes kommt es sowieso nicht heran.
„Im Anfang war das Wort … Alles ist durch das Wort geworden …Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Dort, wo der Johannes-Evangelist zuerst vom Schöpfungswort spricht, durch das alles geworden ist, kommt nun ein neuer Gedanke: Das Wort Gottes ist Mensch geworden in der Geburt Jesu Christi und hat unter den Menschen gewohnt. Und auch dieses Wort ist ein wirksames Wort: Jesus informiert nicht einfach nur über das Heil, er ist das Heil. Jesus predigt nicht über Sündenvergebung – er vergibt Sünden. Jesus sagt nicht nur „Steh auf, nimm deine Bahre und geh!“ – er heilt. Jesus erzählt nicht nur vom Reich Gottes – er bringt das Reich Gottes.
Insofern ist er in seiner Person genau das, was Erich Garhammer als „performatives Wort“ beschrieben hat: Durch Jesus ist in der Welt etwas völlig Neues passiert, er hat durch sein Dasein die Welt verändert. Nicht so, wie manche das vom Messias erwartet haben, mit Glanz und Gloria, Schwert und himmlischen Heerscharen, politischer Macht und Herrlichkeit. Er brachte, wie es am Ende des Johannes-Prologs heißt nur zwei Dinge: Er brachte „Kunde von Gott“ und „Gnade über Gnade“. Wer hinhört auf dieses Wort kann vielleicht das Gedicht von Paul Celan (1920–1970)verstehen:
EIN DRÖHNEN:
Es ist die Wahrheit selbst
Unter die Menschen
getreten
Mitten ins
Metapherngestöber
(Paul Celan, Gedichte in zwei Bänden, Bd. 2, Surkamp-Verlag)







