Bei Sportexerzitien sollen Körper und Seele auf Trab kommen
Besser als Mallorca
Kirche und Glauben können überraschen. Da ist sich Michael Gosebrink sicher: „Durch Bewegung, Sport und körperliche Anstrengung werden außergewöhnliche geistliche Erfahrungen möglich.“ Gemeinsam mit Kapuzinerbruder Karl Löster leitet der Bildungsreferent des DJK Diözesanverbandes Freiburg die Sportexerzitien im Kloster in Zell am Harmersbach.
von Volker Hasenauer (Text) und Harald Oppitz (Bild)
„Manchmal werden wir belächelt – aber nur von Leuten, die nie selbst erfahren konnten, wie intensiv und fordernd fünf Tage Sportexerzitien sind.“ Michael Gosebrink, ein energischer, drahtiger Mann und begeisterter Hobbyradler organisiert seit einigen Jahren erfolgreich ein besonderes geistliches Angebot, das Körper und Seele gleichermaßen auf die Sprünge helfen soll: Fünftägige Sportexerzitien im beschaulich gelegenen südwestdeutschen Zell am Harmersbach. „Ich bin tief davon überzeugt, dass durch Bewegung, Sport und körperliche Anstrengung, außergewöhnliche geistliche Erfahrungen möglich werden.“
Uwe ist zum fünften Mal dabei. Der 57-jährige Bankkaufmann hätte seinen Urlaub diesmal auch anders verbringen können. „Meine Bank hat mir als Gratifikation für gute Geschäftsabschlüsse eine Woche Mallorca angeboten. Aber ich habe mich fürs einfache Exerzitienleben entschieden, da habe ich mehr davon.“
Um 7.30 Uhr, noch vor der ersten Tasse Kaffee, beginnt der Tag mit einer kleinen Sporteinheit. Gosebrink verteilt Gymnastikreifen. „Lasst sie kreisen, sie sind Symbol eurer Lebensenergie, ihr müsst den Ringen immer wieder neuen Schwung mitgeben“, ruft er den zwölf Teilnehmern zu. Konzentriert halten alle die bunten Reifen am Kreiseln. „Aber es ist eben wie im echten Leben, man hat ja nicht nur Zeit für sich selbst!“, sagt Gosebrink und bringt Tennisbälle, Tücher und Jonglierkugeln ins Spiel, die sich nun gegenseitig zugepasst werden sollen. Prompt geraten die ersten Reifen ins Trudeln und fallen zu Boden. „Dies“, so der Denkanstoß von Gosebrink, „passiert eben, wenn wir uns in unseren Alltagsbeziehungen und Hektik zu wenig um unsere Bedürfnisse kümmern.“
Nach einem einfachen Frühstück greift Bruder Karl Löster das Oberthema der Exerzitien vom „Leben in Beziehungen“ in einem geistlichen Impuls auf. Der Kapuziner leitet das kirchliche Tagungshaus im Schatten der Zeller Wallfahrtskirche „Maria zu den Ketten“. Und gestaltet die Exerzitien stets mit. Die Gruppe hat sich im Meditationsraum versammelt. Ausgehend von der Bergpredigt entfaltet der Kapuziner seine Gedanken, kommt mit der Gruppe ins Gespräch. Um zur Ruhe zu kommen und den Körper bewusst wahrzunehmen, steht dann eine Übung mit Tennisbällen auf dem Programm: Wem gelingt es, barfuß auf zwei Bällen zu balancieren? Danach werden die gelben Filzkugeln zu Massagebällen für eine Entspannungsübung.
Dann werden die zwölf Teilnehmer in eine dreistündige Stillephase entlassen, die sie selbst gestalten können. Viele gehen joggen oder spazieren, einige ziehen sich einfach auf ihr Zimmer zurück, um die Anstöße des Morgens weiterzudenken.
Wolfgang, ein durchtrainierter Mann ist sich sicher, dass er durch die sportliche Aktivität – er war am Morgen lange joggen – einfach aufgeschlossener für geistliche Impulse wird. „Und mir ist wichtig, dass wir uns als Gruppe verstehen, gemeinsam auf dem Weg sind, über unser Leben nachzudenken.“ Zu klassischen Exerzitien, ohne Sportangebote, hätte er sich nie angemeldet.
Obwohl es die besondere Form der christlichen Einkehrtage in Verbindung mit sportlicher Aktivität in verschiedenen Formen bundesweit seit rund 15 Jahren gibt, fristen die Veranstaltungen in der Flut der spirituellen und meditativen Angebote derzeit meist eher ein Nischendasein. Berührungspunkte der Sportexerzitien gibt es sicherlich mit den spätestens seit Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“-Bestseller neu entdeckten Pilgerangeboten.
Elisabeth, 42-jährige Kirchenmitarbeiterin aus Kronberg im Taunus, fasst es so zusammen: „Mir wird während der Sportexerzitien vieles bewusst, ich erlebe mich selbst einfach anders. Ich bin nicht der reine Kopftyp, ich will hören, was mein Körper mir sagt.“
Die Verbindung von Sport und geistlicher Besinnung lässt sich auch mit Bruder Karl personifizieren. Er bringt mit seiner warmen Stimme einen ruhigen Ton in Gebet, Gottesdienst oder Bibellesen während der Exerzitien. Und er weiß von der heilsamen Wirkung des Sports: Der Kapuziner ist erfolgreicher Marathonläufer, in Berlin oder Freiburg, aber auch schon einmal in New York.
„Mir ist es wichtig, mit den Sportexerzitien zu zeigen, dass Kirche und Glauben auch überraschen können“, sagt er. Zum Tagesabschluss, nach einer weiteren Sporteinheit mit Geschicklichkeitsübungen in der Turnhalle und Frisbeespielen im Freien, bittet er die Gruppe dann zum Beispiel in die stockdunkle Wallfahrtskirche. Nach und nach erhellt sich das Gotteshaus. Ein Bild dafür, dass es möglich ist, auch aus dunklen Zeiten ins Licht zu kommen, erzählt Bruder Karl. Vielleicht ist dieses Bild und Ziel auch ein Symbol für die gesamten Sportexerzitien. Uwe jedenfalls will das besondere spirituell-sportliche Angebot in seinem Leben nicht mehr missen: „Ich komme jedes Mal völlig aufgetankt und klar in den Alltag zurück. Auch wenn ich dann schon nach einigen Wochen merke, dass die gewonnene Klarheit und Kraft leider wieder nachlässt. Aber deshalb komme ich ja immer wieder.“







