Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gerhard Ester ist einer der letzten Lüftlmaler im Voralpenland

„Bei uns sitzen halt altmodische Figuren dazwischen“

Text: Carola Renzikowski 

Fotos: Katharina Ebel (KNA) 

Auf dieser Wand sind schon viele fromme Gestalten erschienen: Maria, die Dreifaltigkeit, Sankt Florian, Sankt Gregor und der heilige Martin. Nun aber hat Gerhard Ester auf die einzig freie Fläche in seiner kalten Garagenwerkstatt – zwischen die Aquarelle und Regale voller Farben, Pinsel und Werkzeug – einen unchristlichen Muskelprotz projiziert: Die mit Kohle nachgefahrenen Umrisse auf dem angeklebten Transparentbogen zeigen den griechischen Weingott Dionysos nackt im Wagen, kutschiert von zwei Ziegenböcken – lebensgroß. Der Maler sitzt ihm zu Füßen und arbeitet an den Schattierungen.

Bald soll Dionysos in leuchtenden Farben vom Gewölbe eines Weinkellers am Gardasee hinunterschauen. Und nicht nur er. Der Auftrag, die Geschichte des Weines in Bildern zu erzählen, liegt dem Kunstmaler und Restaurateur aus Garmisch sehr, hat er doch mehr künstlerische Freiheit. „Wenn man alte Fresken oder Gemälde an Fassaden restauriert, spielt man selbst keine Rolle, sondern muss sich ganz dem unterordnen, was der Originalmaler wollte“, sagt Ester. „Da bin ich ganz froh, wenn ich auch mal selbst was tun kann.“

Man muss aber weder über den Brenner fahren noch Wein trinken, um sich von der Kreativität des Malers überzeugen zu können. Etliche Häuserfassaden in Garmisch-Partenkirchen, Oberammergau und in der Region hat Gerhard Ester seit 1965 durch Lüftlmalerei zu Kunstobjekten gemacht – mit christlichen Motiven, Szenen aus der Handwerkskunst und illusionistischen Elementen.

Inzwischen verschönert Ester mehr Saunalandschaften und Schwimmbäder als Hauswände. Denn die Nachfrage ist gering. „Als ich angefangen habe, hat jedes Hotel und jeder Vermieter was auf seinem Haus drauf gebraucht“, erzählt der 71-Jährige. Inzwischen gibt es nur noch eine Handvoll Lüftlmaler im Voralpenland. Ester sieht schwarz für die Zukunft seiner bunten Kunst: „Ich befürchte schon, dass sie ausstirbt. Weil sie nicht mehr modern ist.“

Süddeutsche Kaufleute brachten die Fassadendekoration aus der Toskana über die Alpen. Beeindruckt von den üppig bemalten Häusern in Italien ließen ab dem 18. Jahrhundert vor allem reiche Bürger und Bauern ihre Häuser mit meist religiösen Fresken verzieren. Auch Schnitzer, Metzger, Feuerwehrleute oder Schreiner legten Wert auf eine Darstellung ihres jeweiligen Schutzpatrons.

Wer wissen will, woher der Begriff „Lüftlmalerei“ stammt, stößt auf zwei Theorien: Zum einen arbeiten Fassadenmaler seit jeher an der frischen Luft („Lüftl“), zum anderen wohnte einer der bekanntesten Lüftlmaler, Franz Seraph Zwinck (1748 bis 1792), in seinem Heimatort Oberammergau zeitweise im Haus „Zum Lüftl“. Von ihm sind bis heute viele Original-Fresken erhalten, ebenso von seinem Mittenwalder Zeitgenossen Franz Kraner (1737 bis 1817).

Ärgern kann sich der Mann mit dem weißen Rauschebart und gezwirbelten Schnauzer, den beeindruckenden Augenbrauen und der Lesebrille auf halber Nasenhöhe über das ewige Klischeedenken der Leute: „Es stimmt doch nicht, dass alles, was mal an Bauernhäuser gemalt wurde, Lüftlmalerei ist. Wir haben genauso die Scheinarchitektur und die Ornamentik wie die klassische Fassadenmalerei. Bei uns sitzen halt nur ein paar altmodische Figuren dazwischen.“

Zum Beispiel die wohlgenährten Putten, die unter Marias Schutzmantel hervorkriechen. Oder Moses, der seinen Leuten das Gelobte Land zeigt. Bibelfest sollte schon sein, wer so was malt oder restauriert – oder? „Ein bisschen was muss man schon wissen“, meint Ester, dessen Fachwissen als Restaurateur sich freilich nicht auf die Heilige Schrift beschränkt.

Mit Kalkfresken etwa kennt er sich bestens aus und schwärmt: „Das ist die hohe Manneskunst, hat Michelangelo gesagt, da muss jeder Pinselstrich sitzen.“ Bei der schon in der Antike angewandten Maltechnik wird die Farbe nämlich auf den nassen Putz aufgetragen und verbindet sich sofort mit dem Untergrund. Korrigieren lässt sich nichts mehr.

Breite Risse, bis auf die Ziegel abgebröckelte Hausecken und Löcher im Putz – so sehen alte Fassaden in der Regel aus, bevor Ester sie ausbessert. Dazu bleibt ihm oft nichts anderes übrig, als dem Original weiter auf die Pelle zu rücken: etwa durch kleine Bohrlöcher, wenn im Mörtel Blasen sind. Die gilt es nacheinander auszuspritzen. Risse müssen gefüllt, fehlende Gemäldeteile rekonstruiert werden. Solche Kunstwerke lassen sich auch zwischenlagern: Feinsäuberlich in 54 nummerierte Puzzleteile zerlegt und zwischen Holzbrettern flachgehalten hat so das Giebel-Fresko des ehemaligen Heimatmuseums von Garmisch-Partenkirchen in einer Halle überwintert. Von vorn mit Steinfestiger versiegelt und Leinen geschützt, wurden die Teile mit der Flex ausgeschnitten und durch vorsichtiges Beklopfen von der Wand gelöst. Dann mussten die Platten hinten gefestigt und geglättet werden. Nach dem Übertragen des Originals auf das zwischenzeitlich aufgestockte Gebäude ging das Restaurieren erst los.

Der Fan von „luftig-duftigen Fresken“ malt heute fast ausschließlich mit Mineralfarben auf trockenem Putz. Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts von Adolf Wilhelm Keim entwickelt – im Auftrag von König Ludwig I.. Der bayerische Regent suchte eine Alternative für die Technik aus dem Süden, die dem rauen Wetter in Bayern nicht lange standhielt. Keimfarben verbinden sich in einer chemischen Reaktion unlösbar mit dem Putz, sind lichtecht und trotzen anders als die herkömmlichen Kalkfarben dem sauren Regen.

Diesen gibt es im Weinkeller nicht. Einen Monat lang hat Ester Bücher gewälzt, Szenen von der Antike bis zur Gegenwart skizziert und mit seiner Zeichnung den Traum seines Kunden erfüllt. „Fang sofort an, hat der gemeint.“ Seitdem vergrößert er die Skizzen mit dem Projektor. Das Abendmahl und die Hochzeit zu Kana finden auch Platz auf der 100 Quadratmeter großen Decke – als fröhliches Weingelage mit der ganzen Jüngerschar.

Acht Wochen hat sich der Maler für die Arbeit am Gardasee vorgenommen. Da ist er lange nicht zu Hause. Seine Frau sieht ihn trotzdem regelmäßig. Zum Beispiel in Gestalt des vollbärtigen „Bacchus“ auf der Kassettendecke im Wohnzimmer. Nur die Lesebrille fehlt.


18.05.2012
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