Aktuelle Ausgabe
2012-20

Professor Manfred Spieker über die Rolle der Katholiken beim Aufbau der Bundesrepublik

Basis der Demokratie war ein christliches Wertefundament

Professor Dr. Manfred Spieker wurde 1993 in München geboren. Nach dem Abitur in Freiburg studierte er Politikwissenschaften, Philosophie und Geschichte in Freiburg, Berlin und München. Seit 1983 ist er Professor für Christliche Sozialwissenschaften am Institut für Katholische Theologie der Universität Osnabrück.

Welche Rolle spielten die Kirchen – insbesondere die katholische – beim Aufbau der Bundesrepublik und wie spiegelt sich das im vor 60 Jahren inkraftgetretenen Grundgesetz wider? Professor Dr. Manfred Spieker aus Osnabrück befasst sich in seinem Gastartikel mit diesen Fragen und zeigt auf, dass die 50er-Jahre die große Zeit des politischen Katholizismus in Deutschland waren.

 von Prof. Manfred Spieker

Die Kirchen in Deutschland haben nach dem 2. Weltkrieg die unter Mithilfe der westlichen Besatzungsmächte entstandene demokratische Staatsordnung nicht nur voll bejaht, sie haben auch kontinuierlich und wesentlich zu ihrer Stabilität beigetragen. Sie standen nicht nur loyal zum Grundgesetz, sie prägten es vielmehr ganz entscheidend mit. Das war 1945 nicht ohne Weiteres zu erwarten. Zwar waren die beiden Kirchen aus dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur relativ unbeschädigt hervorgegangen, zwar wurden sie von den Alliierten als legitime Sprecher des deutschen Volkes anerkannt, aber dass sich aus dieser Sprecherfunktion in einer Notlage ein fundierter und kontinuierlicher Beitrag zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaftsordnung entwickelte, war aus unterschiedlichen Gründen nicht zu erwarten.
Auf katholischer Seite war die breite Laienbewegung, die in der Weimarer Republik in vielen Verbänden und in der Partei des Zentrums ihren wirkungsvollen Ausdruck gefunden hatte, von den Nationalsozialisten zerschlagen worden. Die Bischöfe waren sich durchaus nicht einig, ob sie seine Wiederbelebung fördern oder doch eher auf das Modell der Katholischen Aktion setzen sollten. Sie schienen die Gründung von Laienverbänden, den Verkirchlichungstendenzen der Zeit entsprechend, als Gegenstand der bischöflichen Leitungsgewalt zu betrachten.
Auch die neue Verfassung, das Grundgesetz, erfreute sich zunächst keineswegs der Wertschätzung der Bischöfe. Im Gegenteil, nachdem ihr Verlangen nach einer tieferen religiösen Begründung des Grundgesetzes und einer Verankerung des Elternrechts im Grundrechtsteil vom Parlamentarischen Rat zurückgewiesen worden war, äußerten sie sich in einem umfangreichen Hirtenbrief zur Verabschiedung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 „aufs Schwerste gekränkt“ und „aufs Bitterste enttäuscht“. Sie wollten das Grundgesetz „nur als ein vorläufiges betrachten, das baldigst einer Ergänzung bedarf“. So sprach zunächst nicht viel dafür, dass die Katholiken beim Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 zu „Ordnungsbürgen der neuen demokratischen Staatlichkeit“ werden sollten.
Die Gründung einer Katholiken und Protestanten vereinenden Partei, nicht „Partei“, sondern „Union“ genannt, war die deutlichste Veränderung im politischen Engagement der Christen. Der ökumenische Zusammenschluss ging vor allem von katholischen Laien aus.
Für die Katholiken war die anfängliche Distanz der Kirche zum Staat des Grundgesetzes schon bald in den 50er-Jahren kaum noch verständlich. Ihre Loyalität zur demokratischen Verfassungsordnung und ihr Engagement für sie waren lückenlos, stabil und unbestritten. Ihr Engagement galt nie nur den für die Freiheit der Kirche sensiblen Feldern, sondern der Anerkennung aller Grundrechte als vorstaatliche Rechte, der Gewährleistung einer rechtsstaatlichen, föderalistischen Demokratie, dem Aufbau eines differenzierten Bildungswesens, der Entwicklung einer freien Marktwirtschaft mit sozialstaatlichem Leistungssystem und der außenpolitischen Einbindung der Bundesrepublik in die Wertegemeinschaft der europäischen und atlantischen Demokratien. Der politische Erfolg von CDU und CSU war aber auch auf das weitverbreitete Bedürfnis großer Teile der deutschen Bevölkerung zurückzuführen, die neue demokratische Staatsordnung auf ein ebenso naturrechtlich wie christlich begründetes Wertefundament zu bauen. Die Anerkennung der Würde der Person und vorstaatlicher Menschenrechte, die Unterordnung des Staates unter das Recht, die effiziente Teilung und Kontrolle der politischen Gewalten sollten die Säulen dieser Staatsordnung werden. Diese Philosophie prägte später den ersten Artikel des Grundgesetzes, bei dessen Ausarbeitung die katholische Soziallehre durch Adolf Süsterhenn maßgeblichen Einfluss ausübte.
Die 50er-Jahre waren die Jahre des Aufbaus der Bundesrepublik Deutschland. Sie waren die Jahre des politischen Katholizismus. Die Katholiken galten nach einer vielzitierten Formel von Gerhard Schmidtchen als die „eigentlichen Entdecker“ der Bundesrepublik. Aber sie waren nicht nur Entdecker, sondern auch Baumeister dieser Republik und „Ordnungsbürgen“ der neuen demokratischen Staatlichkeit. Die großen Leistungen der Sozialpolitik, wie der Lastenausgleich für Kriegsopfer 1952 und die Dynamisierung der Renten 1957, aber auch die Wiederbewaffnung 1955 und der Beginn der europäischen Integration mit den Römischen Verträgen 1957 sind ohne ihren Beitrag nicht denkbar.


18.05.2012
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